Abteilung 4: Die unbekannten Bekannten (1): Anna Ritter

Ich wollt‘, ich wär‘ des Sturmes Weib

Ich wollt‘, ich wär‘ des Sturmes Weib,

Es sollte mir nicht grausen,

Auf Felsenhöhen wohnt‘ ich dann,

Dort, wo die Adler hausen.

Die Sonne wäre mein Gespiel,

Die Winde meine Knappen,

Mit dem Gemahl führ‘ ich dahin

Auf flücht’gem Wolkenrappen.

 

Frei würd‘ ich sein und stolz und groß,

Die Königin der Ferne,

Tief unter mir die dumpfe Welt

Und über mir die Sterne!

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Abteilung 3: Die Vergessenen (1): Katharina Zitz-Halein

Maiblümchen

Wie lieb‘ ich dich, du Holde, Süße, Kleine,

Du Frühlingskind, erblüht im Waldesschatten;

Wenn ich dich schau, du Liebliche, du Reine,

Seh‘ ich die Unschuld sich mit Hoffnung gatten.

 

Das zarte Weiß in grüner Blätter Hülle,

Wie oft ergötzet es des Wandrers Augen;

Und gerne mag ich deines Duftes Fülle,

Der Biene gleich, begierig in mich saugen.

 

Aus theurer Hand hab‘ ich dich einst empfangen,

Ein Bild der Hoffnung wardst du mir gegeben,

Drum sollst du mir recht oft am Busen prangen,

Am Herzen mir entströmen still dein Leben.

 

Als Katharina Therese Pauline Modesta Zitz am 8. März 1877 in Mainz stirbt, kann sie auf ein umfangreiches Werk als Katharina Zitz-Halein zurückblicken. (mehr …)

Abteilung 2: Die Unkonventionellen (2): Lou Andreas-Salomé

„Warst mir die mütterlichste der Frauen,

ein Freund warst Du, wie Männer sind,

ein Weib, so warst Du anzuschauen,

und öfter noch warst Du ein Kind.

Du warst das Zarteste, das mir begegnet,

das Härteste warst Du, damit ich rang.

Du warst das Hohe, das mich gesegnet –

und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.“

Wem Rainer Maria Rilke hier so wortreich nachweint, ist Louise von Salomé, die am 12. Februar 1861 in St. Petersburg geboren wird. (mehr …)

Die allzu früh Gegangenen: Lisa Baumfeld

Bereits im Alter von zwölf Jahren begann sie zu dichten, mit 18 erschienen in Wiener Zeitschriften erste Gedichte von Lisa Baumfeld, die sich aber hinter den Pseudonymen Ewald Bergen und Lizzy verbarg. Kritiker lobten die Schönheit und Formvollendung ihrer Sprache, ihr ungewöhnliches poetisches Talent, allerdings wurden ihre Gedichte auch als kompliziert und zu wenig anschaulich mit den Werken Hofmannsthals verglichen und abgelehnt. (mehr …)

Die allzu früh Gegangenen: Elisabeth Kulmann

Mir ahnet oft, ich werde

Nicht lange auf der Erde

Verweilen, und schon frühe

Den Brüdern folgen, welche

Die Erde früh verließen,

Ach! auf dem öden Schlachtfeld

Vielleicht in langen Leiden

Den jungen Geist aushauchend!

 

Mit diesen Versen aus dem Gedicht „Der Kukuk“ sollte Elisabeth Kulmann Recht behalten, denn die Dichterin starb mit nur 17 Jahren im Jahr 1825. Sie wuchs nach dem Tod des russischen Vaters, von ihrer deutschen Mutter gefördert und unterrichtet, in St. Petersburg in ärmlichen Verhältnissen auf. (mehr …)