Ich lese gerade: Mario Vargas Llosa „Tante Julia und der Kunstschreiber“

Meine Mutter liest gerne – besonders so anspruchsvolle Werke wie „Weihnachtsküsschen mit Schwips“, „Saturn steht auf Liebe“ oder, mein persönlicher Favorit, „Freche Engel küsst man(n) nicht“. Haben Sie das n in den Klammern gesehen? Da erkennt man (ohne zweites n) doch gleich schon am Cover, was  für eine frech humorige Schmunzelorgie da lauert.

Folglich war ich ein wenig zurückhaltend, als sie mir neulich einen sehr betagt wirkenden Roman aufdrängte: „Tante Julia und der Kunstschreiber“. (mehr …)

Meister weniger Worte (1): Don Martin

Ein Mann spaziert über die Straße. Es fängt an zu tröpfeln und er beginnt, wie Gene Kelly auf der Straße zu steppen und zu singen. Und oben auf dem Dach wird die Weitspuck-Weltmeisterschaft ausgetragen. – Nicht lustig?

Okay, ein Mann kommt ins Postamt und sagt: „Two stamps, please.“ Von oben saust ein gigantischer Schuh auf ihn herunter und macht STAMP, STAMP. Auch nicht lustig? (mehr …)

Notate von der Katz

19. Abrüll 2016, Dinstich

Der Frost hat sich die Nacht um andere geschert. Die Nellikatz will schon raus um halb acht, zur Kellertür, und wieder rin zum Poofen, da is der Blaumann grad los zum Malochen. Im i-Buch gelesen, ‘nen eigenen Text. Zum Fürchten viele Fehler. Das leg ich weg und les von der Regenkatz. Um die Mittagsstunde, ich schnibbel grad den Obstsalat, kommt die Nellikatz aus dem Schlafkabuff und klagt. Will raus in den Abrüll, in der Wiese lauern uff Mäuse, nur die Lauscher überm Gras. Ich dann ruff in den Hain, die Buchen beim Ausschlagen wortknipsen. Die Tagetes auf dem Fensterbrett im Schreibzimmer sind auch schon wild auf draußen. Dürfen sie aber nich. Abrüll, Abrüll, der macht, was er wüll. Der Himmel hat grau heut und Löcher drin wie’n rostiger Blechdeckel; und nächste Woche soll’s schnein. Der Blaumann kommt früh heim. Er kricht Pizza und Latch, die Nellikatz geht leer aus. Kein Frischfleisch heut. Im Fernsehen gibt’s Fußball am Abend. Die Nachrichten bleiben aus. Kann nicht mehr hingucken bei all dem Ungerechten. Da schäm ich mich und will verschwinden. Auf den Mars. Die Nellikatz juckt das nicht. Die pooft schon wieder im Schlafkabuff. (mehr …)

Hermann Hesse – Erzählungen

Wenn über Hermann Hesse gesprochen wird – ob positiv oder negativ – dann wird meist Bezug genommen auf die großen Erzählungen, die Hesse selbst sich weigerte Romane zu nennen: Peter Camenzind, Unterm Rad, Roßhalde, Demian, Siddharta, Der Steppenwolf, Narziß und Goldmund, Die Morgenlandfahrt, Das Glasperlenspiel. Gerne schimpft man auch über seine Gedichte, seine kürzeren Erzählungen werden aber meist verschwiegen. Dabei zeigt sich gerade in ihnen, wie vielseitig Hesse ist. (mehr …)

Das besondere Buch – „Unterm Rad“ von Herrmann Hesse

Der erste Junge, mit dem ich ‚offiziell‘ ging, war blond, mit blauen Augen und, was mich besonders beeindruckte, er vermochte eine Zigarette in nur drei Zügen aufzurauchen. Mir wurde schon nach dem zweiten schlecht. Außerdem besuchte er bereits die zehnte Klasse, was man ja fast als Abiturient gelten lassen konnte. Meine Freundinnen und ich waren uns einig, dass er einen echten Glücksgriff darstellte und ich hätte es bestimmt von Ostern bis zu den Sommerferien mit ihm ausgehalten, wäre mir nicht Hans Griebenrath dazwischen gekommen. (mehr …)

Von Regenschirmen und Papiermüllcontainern

Der früheste Autor, den ich namentlich wahrnahm, hieß Rolf Ulrici. Er schrieb die »Käpten Conny« Bücher, die in mir die Sehnsucht nach einer kleinen Segeljolle weckten. Ich wäre damit auch gern übers Meer gesegelt wie Conny in diesen Büchern. Leider wurde aus meinem Wunsch keine Wirklichkeit, weil ich in einer Umgebung aufgewachsen bin, in der ein Meer nicht vorkam, nicht einmal ein brauchbarer See. Ein anderes Buch dieses Autors war »Tom und der Sohn des Häuptlings«. Da bekam ein Junge in Deutschland Besuch von einem Indianerjungen aus Amerika. So etwas konnte auch nur anderen passieren. Ich hätte auch gern solch einen Besuch gehabt – aber es passierte einfach nicht. Dies sind schöne Beispiele dafür, wie frühe Lektüre depressive Stimmung bei den jungen Lesern erzeugen kann. Ein kritisches Hinterfragen, ob so die frühe Schulung der Lesefähigkeit gefördert werden soll, ist angebracht. (mehr …)

Das besondere Buch: Es gibt sie!

Im Sommer 2003 reiste ich aus der lärmenden Metropole Nanjing nach Dali, – eine winzige chinesische Stadt, vier Autostunden östlich der burmesischen Grenze. Es war mein drittes Auslandssemester in China, und wie viele andere nutzte ich die Ferien, um dem allgegenwärtigen Dreck, der drückenden, schwülen Hitze zu entkommen und abgelegene Landesteile zu bereisen.

Meine Herberge verfügte über eine aus Spenden bestehende Leihbibliothek. In einem schlichten Holzregal standen etwa 100 stockfleckige Taschenbücher unterschiedlicher Herkunft und Sprache. Der einzige deutsche Titel war ein blaues, stark verschlissenes Taschenbuch: (mehr …)

Osterlektüre für Kinder oder zeitlose Klassiker

Der Fünfjährige meines Vertrauens ist, offen gestanden, kein großer Leser – er hat es mehr mit Fußball, außerdem ist er ein Pirat und manchmal auch ein Superheld. Wenn ich ihm dennoch vorlese, dann „Herr Eichhorn und der erste Schnee“ und wehe ich weiche vom vorgegebenen Text ab, dann kneift er und er kneift keineswegs sanft! Die Geschichte ist rasch erzählt: Herr Eichhorn ärgert sich, dass er Jahr für Jahr den Schnee verschläft und zusammen mit seinem Freund, dem Igel, sowie dem durch das Gelärme der beiden Chaoten wachgehaltenen Bären, macht er sich auf, den Schnee zu finden. Alles Mögliche halten sie dabei für Schnee: eine Sportsocke, eine weggeworfene Zahnbürste, etc. etc. und am Ende – Überraschung, Überraschung, wer hätt’s gedacht! (mehr …)