Analog fotografieren ist nichts für Zimperliesen

Buchempfehlungen für Weihnachten

Man kann heutzutage mit allem fotografieren: mit der edlen und sündhaft teuren Digitalspiegelreflexkamera, einer der zahlreichen fast schon miniaturisierten Kompaktkameras, mit dem Smartphone oder Handy, der Brille oder dem Kugelschreiber. Man kann sich kaum noch im Wald bewegen, ohne von irgend einer Fotofalle beim Sex Spazierengehen abgelichtet zu werden. Oder aus der Luft von ferngelenkten Fluggeräten im Garten beim Unkraut Jäten. Es gibt da nichts, was es nicht gibt. Von ein paar angegrauten, älteren, mürrischen und meist bärtigen Herren mit Lärm machenden Kameras abgesehen, fotografiert heute niemand mehr mit Film.

Irrtum! Eine Gruppe verwegener junger Leute begann in den 1990er Jahren, noch vor dem Boom der Digitalkameras, mit billigen Knipsen aus dem Osten – vorwiegend Russland – analog zu fotografieren, was das Zeug hielt. Dabei stellten sie sogar neue Regeln auf, von denen die wichtigste lautete: Halte dich an keine Regel! Unscharfe Bilder, Vignettierungen, Lichteinfall in undichten Kameras, abgelaufene und inzwischen Fehlfarben erzeugende Filme waren plötzlich kein Ärgernis mehr, sondern wurden gezielt genutzt. Man spannte Filme verkehrt herum ein, beschädigte die Filme vor dem Einlegen in die Kamera und achtete vor allem darauf, viel Spaß beim Fotografieren zu haben. Lomographie hieß diese neue Bewegung. Das sind sozusagen die »Punks« unter den Fotografen.

Inzwischen ist diese Bewegung nicht nur in die Breite gegangen, sondern auch in die Tiefe, will sagen: Zur Masse kommt auch die Qualität. Die Studenten aus Wien, die alles angestoßen hatten, gründeten eine Firma, die nicht nur alte Kameras aufkaufte, sondern auch neue entwickeln ließ. Höhepunkt war die Neuproduktion des alten Petzval-Objektivs, des ersten Objektivs überhaupt, das von dem genialen Mathematiker Josef Maximilian Petzval für optimale Lichtausbeute berechnet (erstmals war eine Blende von 1:3,6 möglich) und von Voigtländer gebaut wurde. Das war im Jahr 1840. Nun gibt es das Objektiv wieder, absolut manuell zu bedienen, mit Blenden, die man einschieben muss, für Canon- oder Nikonkameras, und teuer genug, um nicht sofort zuzugreifen.

Diese Entwicklung geht einher mit dem erweiterten Interesse nicht nur der Lomographen, alte Kameras aus Schränken und von Dachböden zu holen, den Staub abzupusten, einen Film einzulegen und zu fotografieren. Doch leichter gesagt, als getan. Nicht immer funktionieren die alten Kameras noch. Fette, die für ein verlässliches Öffnen und Schließen der Blenden und des Verschlusses der Kamera gesorgt haben, sind hart geworden und lassen, wenn überhaupt, eine angemessene Belichtung nicht mehr zu. Die älteren Modelle, die noch ohne Elektronik hergestellt wurden, kann man noch in den Backofen stellen und die Fette so wieder geschmeidig machen. Für andere Kameras sind Feinmechaniker gefragt, die sie wieder in Gang setzen können. Es gibt wenig genug davon, sodass manch einer zur Selbsthilfe greift und meist mehr zerstört als repariert. Analoge Kameras werden kaum noch hergestellt. Kleinbildkameras von hervorragender Qualität, abgesehen von Leica bis vor kurzem noch von Cosina, die den Namen Voigtländer gekauft hatten und Objektive bauen. Die Bessa R, eine hochwertige Messsucherkamera aber haben sie nun aus dem Programm genommen. Nur die Sofortbildkameras boomen seit einiger Zeit wieder. Insbesondere Fuji bringt immer neue Modelle auf den Markt. Auch hier sind es überwiegend die jungen Leute, die diese Fotounikate lieben.

Wer sich für die alten Kameras von Vater oder Großvater interessiert und damit fotografieren möchte, wird zunächst rätseln, wie manches an diesen alten Dingern funktioniert. Auch Fragen der Belichtung kommen auf, die von den modernen Kameras mit den ausgefeilten Automatiken weitgehend abgenommen werden. Fokussieren geht heute so, dass man mit halbgedrücktem Auslöser die Kamera veranlasst, die Schärfe einzustellen. An den alten Kameras muss man Entfernung schätzen und einstellen, wenn man keine bessere Messsucherkamera oder alte Spiegelreflexkamera besitzt. Erfreulicherweise gibt es inzwischen einige Buchveröffentlichungen, die sich mit analogen Fototechniken auseinandersetzen. Genau das richtige Weihnachtsgeschenk für Fotoenthusiasten und solche, die es werden wollen.

Antonio Zambito: think analog – Die faszinierende Welt der analogen Fotografie (39,95 €). Dieses Buch versucht einen Rundumschlag. Es beginnt im ersten Kapitel mit der Begründung, warum analog überhaupt noch angemessen ist. Im zweiten Kapitel gibt es ein paar Meilensteine der Fotografie, digital wird aber komplett ausgespart, was angemessen ist, da es darum ja in diesem Buch nicht geht. Das Fotomaterial wird vorgestellt und begutachtet, was es heute noch an Filmmaterial gibt und wozu der jeweilige Film zu gebrauchen ist (allerdings keine vollständige Übersicht). Das Thema »Sofortbild« (Polaroid, Fuji) bekommt ein eigenes Kapitel, Filmentwicklung wird erklärt (jedoch nur rudimentär). Ein Kapitel heißt »Von digital zu analog« und beschreibt, unter anderem, wie digitale Fotos z. B. vom Smartphone zu Papier werden können. Im nächsten Kapitel »Vom Negativ zur Datei« wird der umgekehrte Weg beschrieben: Wie die Bilder vom Film auf den Computer zu bekommen sind. Das Buch ist gut, keine Frage, vor allem für diejenigen, die sich erstmalig mit diesem Thema beschäftigen. Wer jedoch ein vertiefendes Interesse hat, stößt viel zu oft an Grenzen. Das richtige Geschenk für diejenigen, die noch staunend vor einer analogen Kamera stehen und die Einstellmöglichkeiten bewundern.

Monika Andrae/Chris Marquardt: Absolut analog – Fotografieren neu entdecken: in Kleinbild-/Mittel- und Großformat (34,90 €). Dieses Buch steigt tiefer in die Materie ein. Es ist auch das einzige aller hier vorgestellten, das das Thema Kamera (inkl. Zubehör wie Belichtungsmesser und Objektive) gründlich angeht. Es wird zwar nicht alles erläutert, was auch angesichts der Vielzahl an Objekten kaum möglich ist, doch es werden die unterschiedlichen Formate erläutert und außerdem manche Tipps zu Problemen gegeben (z. B. Verharzung von Verschlüssen, Glaspilz auf Objektiven). Die wichtigsten Schwarzweiß- und Farbfilme werden vorgestellt und dabei Einsatzgebiete angegeben. Das Thema Filmentwicklung wird gründlich erläutert, auch mit Rezepten und Tipps. Nicht nur Cafenol wird nachvollziehbar erklärt, sondern auch die Entwicklung eines Rodinal-Klones mittels Paracetamol. Damit sind noch nicht alle Themen abgehandelt. Die Weiterverarbeitung wird ebenfalls behandelt, wenn auch auf 40 Seiten etwas knapp, ebenso die Präsentation und die Aufbewahrung. Die Autoren betreiben eine Homepage, auf der sie in Artikeln und Videos Themen rund um die analoge Fotografie behandeln.

Marc Stache: Analog fotografieren und entwickeln – Die eigene Dunkelkammer ( 29,99 €) geht dieses Thema spezieller an. Ausgangspunkt dieses Buches ist der Film. Der Autor beschreibt ausführlich, was das eigentlich ist, woraus er besteht, was es mit Filmempfindlichkeiten und Filmkorn auf sich hat. Im zweiten Kapitel stellt er die allermeisten Schwarz-Weiß-Filme und ihre Einsatzmöglichkeiten vor. Kapitel 3 gibt eine Hilfestellung zum Thema »Fotografieren mit Film«. Man erfährt das Nötigste über Filmbelichtung und Filtern. In den restlichen Kapiteln geht es dann um die Dunkelkammer, die Filmentwicklung und die Vergrößerung von Fotos. Der Autor stellt nicht nur traditionelle Methoden, sondern auch neuere, unkonventionelle Methoden, etwa mit Instantkaffee und Waschsoda (Cafenol) vor. Dies ist das richtige Buch für diejenigen, die nach dem Fotografieren das Hervorzaubern der Bilder vom Schwarzweiß-Film selbst in die Hand nehmen möchten.

Ulrike Mayrhuber: die faszination des analogen bildes – Fotografische Techniken und ihre Materialität . Zwar wird auch der Negativprozess erläutert, der Schwerpunkt dieses Buches, das aus einer Bakkalaureatsarbeit für den Studiengang Informationsdesign der Fachhochschule JOANNEUM in Graz entstanden ist, beschäftigt sich mit den Positivprozessen. Sie beschreibt die unterschiedlichsten Verfahren, von Cyanotypie, über Bromöldruck, Kollodium & Tintype, Fotoemulsionen und den Sofortbildtransfer von Polaroidfotos. Es wird nicht nur auf Papier, sondern auch auf Glas, Holz und Stoff gedruckt. Das richtige Buch für alle, die gerne kreativ experimentieren und sich nicht zu schade sind, sich auch die Hände (und Kleidung) schmutzig zu machen.

Marco Antonini, Sergiion Minniti, Francisco Gómez, Gabrielle Lungarella und Luca Bendandi greifen in ihrem Buch Fotografie – Ein Handbuch der analogen Kreativtechniken ( 34,95 €) das Thema ähnlich auf wie Ulrike Mayrhuber, fassen es aber weiter. Es wird auch ausführlich auf den fotografischen Prozess eingegangen, von der Camera Obscura über Lochkameras bis zu umgebauten anderen Fotogeräten. Bereits die Methoden, mit einem Zimmer zu fotografieren, mit denen das Buch beginnt, beeindrucken ungemein. In die Lochkameras von Kwanghun Hyun – allesamt Unikate – bin ich ganz vernarrt. Es fehlt auch in diesem Buch nicht an Anleitungen. Wer Grenzen ausloten möchte, ist mit diesem Buch bestens bedient.

Horst-Dieter Radke

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