Reise in eine vergangene Zeit

 

Waldemar Abegg – Boris Martin:  Reise in eine vergangene Zeit

Rund um die Welt 1905

Waldemar Abegg, 1873 geboren und aufgewachsen, wird Verwaltungsjurist, später Regierungspräsident in Schleswig. Nach seiner Promotion im Jahr 1898 arbeitet er einige Jahre im preußischen Verwaltungsdienst, bevor er zu einer eineinhalb Jahre dauernden Weltreise aufbricht, für die er Urlaub bekommen hat unter der Vorgabe, dass er sich um die Resozialisierung straffällig gewordener Jugendliche in anderen Ländern informieren möchte. Abegg reist zunächst in die USA um später über Japan, China, Singapur, Ceylon, Indien nach Hause zurück zu kehren. Auf seine Reise nimmt er zwei Fotoapparate mit, eine Contessa und eine von Zeiss, beide reisetauglich, aber auch beide für Glasplattennegative eingerichtet. In Japan wird er sich noch eine Panoramakamera kaufen.

Die Reise beginnt Abegg als gradliniger Preuße, der es auch unterwegs möglichst bequem haben möchte. Seine Englischkenntnisse sind dürftig und seine Fähigkeiten, sich anzupassen, beschränkt. Am Ende der Reise ist er ein anderer, einer der es nicht mehr mit allem so genau nimmt, auch schon mal in einer Ecke eines buddhistischen Tempels schläft und sich, zwar im Fieberwahn des Malariavirus, überlegt, ob nicht ein Leben ganz in der Natur und fern der Zivilisation die bessere Alternative für ihn sei. Er kehrt aber zurück zu seiner Familie, zu seinem Beruf und vermutlich ist diese Reise mit ein Grund dafür, dass er sich später nicht korrumpieren lässt. Von den Nationalsozialisten wird er deshalb auch 1932 frühzeitig in den Ruhestand geschickt. Abegg führt Tagebuch, das in diesem Buch auszugsweise abgedruckt ist. Interessant ist, dass dieses Buch zunächst in Frankreich erschien und für diese vorliegende Ausgabe übersetzt werden musste. Der Titel ist gut gewählt, denn Abegg reiste, als die Welt gerade noch in Ordnung schien (aus damaliger Sicht). Wenig später brach sie in zwei Weltkriegen auseinander. Von einer gerechten Neuordnung sind wir heute so weit entfernt wie in der Zeit vor den Kriegen. Das ist aber eine andere Geschichte. Immerhin wird in einem letzten Kapitel »Die Welt danach« beschrieben, womit gemeint ist, wie es nach der Reise mit Abegg weiterging und was die Zeitgeschichte an Veränderungen brachte. Abegg schaffte es nicht mehr, seinen Aufzeichnungen und die Fotos zu veröffentlichen. Er starb vorher, im Jahr 1961 im Alter von 88 Jahren.

Dies Buch ist ein verkanntes Buch. Es ist offiziell nicht mehr im Handel erhältlich. Man muss in modernen (und echten) Antiquariaten nachschauen oder sich über das Internet ein mehr oder weniger gebrauchtes Exemplar besorgen. Aber das lohnt sich auf jeden Fall. Reisebericht und Lebensweg Walter Abeggs sind unbedingt lesenswert, auch wenn er ein preußischer Beamter war – oder vielleicht auch gerade deshalb. Die Fotos aber sind ein Augenschmaus. Abegg hatte ein Gefühl für Situation, Stimmungen und Bildgestaltungen. Lediglich die Bilder, auf denen er oder seine Begleiter abgebildet sind wirken ein wenig steif und gestellt (was nicht verwundert, bei den längeren Belichtungszeiten, die damals nötig waren). Aber manchmal sieht man auch, dass sich die vorbereiteten Stellungen schon kurz vor der Auflösung befinden, etwa auf den beiden Bildern mit den Geishas. Es ist beachtlich, was für Aufnahmen vor hundert Jahren mit den alten Kameras schon möglich waren. Viele Bilder wurden nach der Rückkehr koloriert (lt. der Photographischen Lehranstalt Jens Lützen, Berlin), dies aber so gut, das die meisten wie echte (alte) Farbfotos wirken. Die Panoramaaufnahmen, die in China mit der japanischen Kamera entstanden sind, lassen iPhone-Panoramaknipser vor Neid erblassen.

 

Wer wissen will, wie die Welt vor gut 100 Jahren ausgesehen hat (zumindest in Teilen), ist mit diesem Buch gut beraten. Was mir persönlich fehlt, sind alte Karten, auf denen die einzelnen Reisestationen nachvollzogen werden konnten. Man kann das zwar auch auf neuen Karten tun, ich finde aber, das ist ein Stilbruch und zeigt, auch was Grenzverläufe anbelangt, nicht das, was in dem Buch in Bildern zu sehen ist. Ich hatte jedoch Glück – im Papiercontainer in Lauda fand ich, gerade als ich begonnen hatte, das Buch zu lesen, einen alten, zerschlissenen, schon im auseinandergehen befindlichen Schulatlas aus dem Jahr 1900, der auch Dinge zeigte, die wir heute so gar nicht mehr im Bewusstsein haben (z.B. die Kolonien). Vermutlich wird es die meisten Leser nicht stören, dass es keine Karten gibt. Von den Bildern allein ist man manchmal schon wie trunken.

Wer das Buch irgendwo sieht, sollte zugreifen.

Ihr Horst-Dieter Radke

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