Abteilung 2: Die Unkonventionellen (2): Lou Andreas-Salomé

„Warst mir die mütterlichste der Frauen,

ein Freund warst Du, wie Männer sind,

ein Weib, so warst Du anzuschauen,

und öfter noch warst Du ein Kind.

Du warst das Zarteste, das mir begegnet,

das Härteste warst Du, damit ich rang.

Du warst das Hohe, das mich gesegnet –

und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.“

Wem Rainer Maria Rilke hier so wortreich nachweint, ist Louise von Salomé, die am 12. Februar 1861 in St. Petersburg geboren wird. Und Rilke ist nicht der Einzige, dem Lou Andreas-Salomé, wie sie sich nennt, den Kopf verdreht. Der nicht gerade als Frauenfreund bekannte Friedrich Nietzsche wird weit weniger charmante Worte für sie finden, als sie ihn verlässt.

Louise wächst in einer kulturell sehr anregenden Familie auf, man spricht dreisprachig: Deutsch, Russisch und Französisch. Mit 16 Jahren versetzt sie ihre Familie in Unruhe, weil sie die Konfirmation verweigert und aus der Kirche austritt. Zwei Jahre später wird sie Schülerin des niederländischen Pastors Hendrik Gillot, mit dem sie nicht nur religiöse, sondern auch philosophische Themen diskutiert. Der 25 Jahre ältere Geistliche will für sie Frau und Kinder verlassen und macht ihr einen Antrag, den Louise allerdings brüsk ablehnt.

Ihm widmet sie allerdings mehrere Gedichte, unter anderem auch „Durch dich“:

Was nur das Leben faßt an Allgewalten –

Durch Dich allein ergriff es mein Gemüt,

Zugleich in Leidenschaft und Händefalten,

Hab ich in Dir vor Gott gekniet.

Durch Dich allein auch ist die tiefste Wunde

Auf immer meinem Leben eingebrannt,

Da ich, in vergeßlich dunkler Stunde,

Im Gott das Menschenbild erkannt.

Hab Dank für alles, was Du mir gegeben!

Das Höchst’ und Tiefste, das wir Menschen haben –

Durch Dich ward’s mein in schweigendem Erleben:

Den Gott zu schau’n – und zu begraben.

Nach dem Tod des Vaters ziehen Louise und ihre Mutter erst nach Zürich, dann nach Rom. Dort findet sie Kontakt zu revolutionären Kreisen, trifft die Philosophen Paul Rée und Friedrich Nietzsche, die sich beide in sie verlieben und ihr Heiratsanträge machen. Wieder ist Lou, wie sie mittlerweile heißt, davon nicht besonders angetan. Sie träumt eher von einer geistigen Partnerschaft, einer Art philosophischem Think-Tank mit Rée und Nietzsche.

Diese Idee wird zwar ausgiebig diskutiert, letztlich sind aber die Herren zu eifersüchtig aufeinander, und besonders Nietzsches Verhältnis verschlechtert sich nach einem zweiten erfolglosen Antrag so weit, dass es in Beschimpfungen endet, obwohl er den Bruch mit Lou und Paul Rée bis zu seinem Lebensende bedauert.

Als der Orientalist Friedrich Carl Andreas in ihr Leben tritt, steht sie bald wieder vor derselben Situation. Auch Andreas will sie heiraten. Lou willigt nach langem Zögern ein, stellt aber als Bedingung, nie die Ehe mit ihm zu vollziehen. Obwohl Andreas wohl anderes erhofft hat, bleibt sie bis zu seinem Tod nach vierzig Jahren Ehe bei ihrem Entschluss. Sie führt fortan ein Doppelleben als Hausfrau und emanzipierter Freigeist. Natürlich erfüllen ihre Liebschaften ihren Ehemann mit Eifersucht, dennoch lehnt er zeitlebens eine Scheidung ab.

In den Berliner Salons entdeckt Lou den Naturalismus und begegnet vielen bekannten Vertretern wie Knut Hamsun, Maximilian Harden, Gerhart Hauptmann, Erich Mühsam, Frank Wedekind und kurzzeitig auch August Strindberg. Auch hier wird sie von den Herren bewundert, angebetet, doch auch hier interessiert sie körperliche Intimität nicht, sondern nur Geistesverwandtschaft.

Erst als sie 1897 in München Rainer Maria Rilke kennenlernt, ändert sich das. Der 21-jährige Rilke vergöttert die 15 Jahre ältere Lou, und auch sie verliebt sich in ihn. Nach gemeinsamen Monaten in München folgt Rilke ihr nach Berlin. Nach einigen Reisen beendet sie 1901 die Beziehung. Rilke ist ihr zu labil, sie fürchtet seine Hörigkeit. Allerdings werden beide bis zu seinem Tod 1926 befreundet bleiben.

Als sie 1911 in Weimar während des Kongresses der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung mit Siegmund Freud zusammentrifft, verändert das ihr Leben. Sie besucht ihn immer wieder in Wien, besucht seine Vorlesungen, ihre Praxis ist die erste einer Psychoanalytikerin in Göttingen.

Als ihr Mann 1930 stirbt, sind sich die beiden in der Ehe ohne Sex wieder näher gekommen. Aber auch sie ist bereits schwach und krank. Am 5. Februar 1937 stirbt sie im Schlaf.

Ihre Werke, die sich vor allem mit der Problematik moderner Frauen beschäftigen, die in überkommenen Konventionen leben müssen, standen stets im Schatten ihrer Biografie. Ihre besondere Stellung in der Kulturgeschichte verdankt sie ihrer Ausstrahlung und ihrem Intellekt, der Grundlage war für so viele Freundschaften und Kontakte. Ihre Romane und Erzählungen sind nur ein Teil ihres Werkes. Sie werden ergänzt durch theoretische Schriften zu Philosophie und Psychoanalyse.

Den Angriff auf ihr Werk und ihr Schaffen erlebte sie glücklicherweise nicht mehr. Nur wenige Tage nach ihrem Tod beschlagnahmte die Gestapo ihre Bibliothek.

Werke von Lou Andreas-Salomé finden sich hier und hier.

Wer sich intensiver mit ihr beschäftigten möchte, findet hier weitere Informationen.

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

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