Abteilung 4: Die unbekannten Bekannten (2): Luise Hensel

Auch bei Luise Hensel tritt die Autorin weit hinter eines ihrer Werke zurück. Mit ihrem Namen verbindet kaum jemand etwas, ihr berühmtestes Gedicht haben wir aber fast alle gehört oder es gar gesprochen.

Geprägt ist das Werk der am 30. März 1798 geborenen Luise Hensel von einer tiefen, milden Frömmigkeit, die sie im Alter von 20 Jahren zu dem Entschluss bringt, vom lutherischen zum katholischen Glauben zu konvertieren. Sie schließt schon als Jugendliche einen Pakt mit Gott und legt 1820 ein Jungfräulichkeitsgelübde ab, ein Entschluss, dem sie trotz einiger Avancen treu bleibt.

Stilles Gotteslob

Ach, hätt‘ ich Engelzungen,

Ich hätt‘ euch wohl gesungen

Das süße, liebe Lied,

Das mir so still und selig

Im jungen Herzen glüht.

Ich weiß ja keine Weisen,

Den Herren so zu preisen,

Den Vater, treu und mild,

Wie meine ganze Seele

Ihm singt und jauchzt und spielt.

Ich muß mein Haupt Ihm neigen,

Kann weinen nur und schweigen

In Seligkeit und Schmerz;

Ach Kind, Er weiß dein Lieben,

Er sieht dir ja ins Herz.

Clemens Brentano, der sich in Berlin in sie verliebt, wird von ihr und ihren Werken stark beeinflusst. „Diese Lieder haben zuerst die Rinde über meinem Herzen gebrochen, durch sie bin ich in Tränen zerflossen, und so sind sie mir in ihrer Wahrheit und Einfalt das Heiligste geworden, was mir im Leben aus menschlichen Quellen zugeströmt“, schreibt er 1817 seinem Bruder Christian.

Auch Wilhelm Müller verliert sein Herz an Luise. Er verarbeitet Ihre Ablehnung im Gedichtzyklus „Die schöne Müllerin“ und in der „Winterreise“. Beide Zyklen wurden zum Teil von Franz Schubert vertont.

Ist ihr der junge Müller zu unstet und wenig zuverlässig, so ist Brentano ihr zu alt. Dennoch bleiben die beiden zeitlebens eng befreundet. Dass Brentano Gedichte von Luise zu seinen eigenen macht, steht auf einem anderen Blatt. Die Freundschaft ist so beständig, dass Brentano Luise bittet, nach seinem Tod den literarischen Nachlass zu sichten und herauszugeben.

Mit dem Tod beschäftigt sich Luise auch auf andere Weise in ihren Gedichten:

Will keine Blumen mehr

Die Sommerrosen blühen

Und duften um mich her;

Ich seh‘ sie all‘ verglühen,

Will keine Blumen mehr.

Der Bruder mein that ziehen

Mit Königs stolzem Heer,

Läßt einsam mich verblühen,

Will keine Blumen mehr.

Die blanken Waffen sprühen

Weit Funken um ihn her;

Das Herz thut ihm erglühen,

Will keine Blumen mehr.

Und Silbersterne blühen

Um Helm und Brustschild her,

Die blitzend ihn umziehen,

Will keine Blumen mehr.

Die Sommerrosen glühen

Und duften all‘ so sehr;

Ich seh‘ sie all‘ verblühen,

Will keine Blumen mehr.

Es drängt sich fast die Frage auf, ob Pete Seeger auch Gedichte von Luise Hensel gelesen hat, und nicht nur von einem ukrainischen Volkslied zu seinem Protestsong „Where Have All The Flowers Gone“ inspiriert wurde.

Die Stationen im beruflichen Leben der Luise Hensel sind zahlreich. Gemeinsam mit ihrer Freundin Appolonia Diepenbrock beschließt sie, karitativ tätig zu werden, ohne sich einem Orden anzuschließen. Sie lebt entbehrungsreich als Pilgerin, arbeitet an verschiedenen Orten als Erzieherin. Ihr weiteres Leben erinnert an eine lebenslange Wallfahrt, die schließlich am 18. Dezember 1878 in Paderborn endet.

Aber schon in sehr jungen Jahren, im Herbst 1816, bringt sie die Verse zu Papier, die als Perlen deutscher religiöser Lyrik gelten, und die wir (fast) alle kennen:

Nachtgebet

Müde bin ich, geh zur Ruh,

Schließe beide Äuglein zu:

Vater, laß die Augen Dein

Über meinem Bette sein!

Hab‘ ich Unrecht heut gethan,

Sieh es, lieber Gott, nicht an!

Deine Gnad‘ in Jesu Blut

Macht ja allen Schaden gut.

(Fern von mir sei Haß und Neid,

in mir Lieb’ und Gütigkeit.

Laß mich Deine Größe schaun,

nur auf Dich, o Gott, vertraun.)

Alle, die mir sind verwandt,

Gott, laß ruhn in Deiner Hand!

Alle Menschen, groß und klein,

Sollen Dir befohlen sein.

(Hilf den Armen in der Not,

sei auch gnädig uns im Tod.

Schenk uns Frieden, bann den Krieg.

Dir gehört der letzte Sieg.)

Kranken Herzen sende Ruh‘,

Nasse Augen schließe zu!

Laß den Mond am Himmel stehn

Und die stille Welt besehn!

Die beiden eingeklammerten Strophen finden sich nicht in allen Wiedergaben des Werkes.

Ihre Gedichte sind in der Ausgabe von 1879 im Verlag Tredition erhältlich (ISBN-10: 3849555267) (244 Seiten, 12,80 €), im Internet finden man ihre Gedichte ebenfalls:

http://www.zeno.org/Literatur/M/Hensel,+Luise

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

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