Andrea liest gerade – Don Winslow: Tage der Toten

Ich habe ein Faible für Mexiko. Seit einem Urlaub dort hat es mir das Land irgendwie angetan. Vielleicht ist mir deshalb in der Buchhandlung der Titel ins Auge gesprungen: „Tage der Toten“. Ich fühlte mich sofort an die „Dios de los muertos“ erinnert, die Tage Ende Oktober bis Anfang November (Allerseelen), wenn die Mexikaner ihrer Verstorbenen gedenken und sie feiern, mit Totenschädeln aus Zuckerwerk, Umzügen in Skelettkostümen oder einem Picknick auf dem Friedhof am Grab der Familie. In Mexiko gehört der Tod zum Leben – eine zutiefst gesunde Haltung. 

Mexiko hat aber auch eine andere Seite, und die besteht aus Kriminalität und einer gehörigen Portion Blutrünstigkeit. Ob es das indigene Blut ist, das sie rasch zu Machete oder Gewehr greifen lässt, kann ich nur vermuten. Tatsache ist, dass der Drogenkrieg mit den USA in den letzten Jahren mehr als 200.000 Tote gefordert hat. Hinzu kommt eine unfassbare Serie von Frauenmorden, die seit dem Ende der Neunzigerjahre bis heute anhält. Ein Teil davon dürfte auf die Rechnung der Drogenkartelle und deren Bekämpfer gehen. Aufgeklärt wurde nur ein Bruchteil der Fälle, wohl vor allem wegen der allgegenwärtigen Korruption.

Das Buch nun hat ein Amerikaner geschrieben, einer der ganz Großen des Thrillerfachs. Schriftstellerkollegen wie Lee Child, James Ellroy oder Stephen King liegen ihm angeblich zu Füßen. Ich kannte bisher keines seiner Bücher, aber wegen Mexiko wagte ich es und fing an zu lesen.

Es geht um den amerikanischen Drogenfahnder Arthur Keller – Vater Amerikaner, Mutter Mexikanerin –, der mit dem Sinaloa-Kartell anbandelt, es infiltriert und damit den Drogenhandel in die USA unterbinden will. Das Buch beginnt zeitlich etwa in der Mitte der Handlung mit einem Prolog, in dem Keller im Norden Mexikos die Opfer einer Hinrichtung besichtigt, darunter Frauen, ein Säugling, dazu Kellers Mitarbeiter. Er glaubt, die Schuld für diese Tötungen zu tragen.

Dann springt Winslow in der Zeit und kehrt zurück in die Siebzigerjahre, ebenfalls Mexiko, und schildert, wie Art Keller Freundschaft schließt mit dem Boxer Adán Barrera, einem jungen Mann, der später sein ärgster Feind werden soll. Das zumindest deutet er an. Wir erleben die Zerschlagung eines der Drogenkartelle mit und wie der Chef der örtlichen Federales dieses Geschenk der Amerikaner, mit denen er vordergründig zusammenarbeitet, dankbar nutzt, um ein noch viel größeres Geflecht von Drogenanbau und –handel zu kontrollieren.

Weiter geht es in New York, Hells Kitchen, im Milieu der irischen und italienischen Mafia. Auch hier wird skrupellos gemordet auf dem Weg an die Spitze der Nahrungskette. Am Schluss des Kapitels beabsichtigen zwei, die nach Ansicht des italienischen Oberpaten doch gefälligst die Finger vom Drogenhandel lassen sollen, Kontakt zu den Mexikanern zu knüpfen.

Wie das alles zusammenhängt, wird sich in der weiteren Lektüre zeigen.

Was Winslow auszeichnet, was die Lektüre für mich aber auch ziemlich fordernd macht, ist die Kaltblütigkeit, mit der er das Geschehen schildert. Er walzt nicht etwa die Bluttaten genüsslich aus, wie das manche Thrillerautoren heutzutage tun. Da wird geschossen, jemand fällt um, gibt vielleicht noch ein Grunzen von sich und das war’s. Null Emotion. Die Figuren in diesem Roman scheinen nichts zu fühlen außer hin und wieder Schuld (Art Keller) oder Angst, gleich selbst abgeknallt zu werden. Ich werde trotzdem weiterlesen. Mit Emotionslosigkeit kann ich besser umgehen als mit Splatter.

Etwas störend wirkt auf mich so manche Passage, die wie aus einem Schulaufsatz daherkommt, was, wie ich vermute, der Übersetzung geschuldet ist. Wie diese hier:

„Callan streift mit dem Fußknöchel über die Tüte und stößt gegen Metall.
Dann gehen sie in die Herrentoilette und gucken in die Tüte rein.
Eine alte 25er und eine mindestens ebenso alte 38er Polizeipistole.“

Winslow wird oft wegen seines Stils gerühmt. „Jeder Satz ein Schuss, jeder Schuss ein Treffer“, heißt es in den Kritiken. Um das wirklich beurteilen zu können, müsste ich das Buch im Original lesen. In der Übersetzung jedenfalls geht so mancher Schuss daneben.

Aber ich will mich von solchen Passagen nicht weiter irritieren lassen und lese weiter, gespannt darauf, was Art Keller und Adán Barrera schließlich zu Feinden machen soll.

Ihre und Eure
Andrea Gunkler

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