Babys, Schmalz und Leichen

Ich schreibe aktuell an meinem zweiten Roman – wie der erste ist es ein Krimi aus der Weimarer Republik. Es gibt darin Morde, Diamantenraub, Erpressung, getauschte Identitäten und ja, es kommt auch ein Baby vor.

Dieses Baby spielt keine große Rolle, aber meine befreundeten Testleser fasziniert der Winzling im Moment deutlich mehr als Bankiers mit durchgeschnittener Kehle in von innen abgeschlossenen Räumen. Das Kind soll nämlich abgetrieben werden, wird es dann aber doch nicht. Dass das handlungstechnische Motive hat, wollen meine Testleser nicht hören. Für sie gibt es nur einen wahren Grund dafür: Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ein süßes rosarotes Kindelein zu morden.

Ich bin nämlich schwanger. Und das muss, so die Meinung meiner Freunde, auch Auswirkungen auf mein Schreiben haben.

Nur über die Art dieser Auswirkungen ist man sich noch uneins – manche, meist Männer, sehen die Sache eher vom praktischen Aspekt her. Da kommen dann Fragen wie „Kannst du dich denn überhaupt noch konzentrieren, wenn der Kleine so strampelt?“ Die Antwort darauf ist: „Ja“ – zumal unser Söhnchen im Grunde genommen derart pausenlos herumzappelt, dass ich mich inzwischen daran gewöhnt habe und nur unruhig werde, wenn es einmal längere Zeit nicht tritt.

Eine weitere beliebte Frage ist, ob mich mein Bauch nicht beim Schreiben stört, ich würde ja sicher nun schwerer an die Tastatur herankommen. Das finde ich tendenziell doof bis ziemlich frech – einmal möchte ich erleben, wie diese Frage an einen meiner wohlbeleibten männlichen Kollegen herangetragen wird, einmal nur! Und dann möchte ich die Reaktion aus sicherer Distanz beobachten. Aber um jeden Zweifel auszulöschen: Auch mit einem Bauchumfang von 86 cm kommt man immer noch gut an eine durchschnittliche Tastatur!

Tückischer sind dann schon die emotionalen Aspekte so einer Schwangerschaft, das stimmt! Hier muss man als Autor wirklich aufpassen!

Saß ich früher nur dann in Tränen aufgelöst vor dem Bildschirm, wenn ich Testleserkommentare bearbeiten musste, passiert es mir nun schon mal, dass ich wegen der Gefahr eines Wasserschadens im Schreiben innehalten muss. Emotionsausbruchgefährliche Szenen sind eigentlich alle, in denen Kinder und Tiere vorkommen – besonders schlimm treffen mich aber an der Westfront gefallene Söhne. und davon gibt es bei mir im Roman zeitgemäß ziemlich viele.

Um hier nicht in Schmalz und Tränen zu ertrinken, helfen dann nur harte Maßnahmen. Eine gute, gegenüber Kindern skeptisch eingestellte Freundin muss mit dem Rotstift meine Ergüsse nachbearbeiten – sie waltet ihres Amtes sehr gewissenhaft und erspart mir so spätere schamhafte Momente, zumindest hoffe ich das.

Ansonsten habe ich nur einen guten Rat für meine schwangeren Berufsgenossinnen:

Lassen Sie sich nicht verrückt machen!

Auch nicht, wenn man Ihnen ausmalt, dass Sie in Zukunft nur noch rosa Kitsch schreiben werden.

Nein, auch dann nicht, wenn man Ihnen das ausmalt, während Sie versuchen, irgendwie Ihre Schuhe zu binden, ohne dabei umzukippen.

Mein Trost sei auch der Ihre: Seit Jahrtausenden bringen Menschen Babys zur Welt, es waren bestimmt schon andere Autorinnen darunter.

Ihre Joan Weng

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