Buchmesse? Ja, aber. Aber vor allem: gerade deshalb!

„So ist Buchmesse. Eigentlich grauenhaft. Laut, voll, das Essen, der Kaffee, die Anreise und alles, einfach furchtbar, und jedes Jahr wird einem aufs Neue klar, was für ein klitzekleines Licht man doch ist im Big-Buch-Business. ABER! Es ist einfach wunderbar, da herumzuschlendern, Verlage und Bücher anzugucken, die 42erAutoren zu treffen, mit meiner Agentur zu plaudern, Lesungen zu hören, das ist einzigartig und so schööön!“ (unsere liebe 42er Kollegin Heike Duken)

FBM15 Globen (Dörthe Huth)

Genauso ist es. Die Frankfurter Buchmesse ist auch für mich ein Mikrokosmos voller Gegensätze, voller Ambivalenzen. Sie entlockt einem Sätze, die mit „Ja“ beginnen und mit „aber“ weitergehen, meist mit „aber auch“. Dieses – zum Teil kuriose – Nebeneinander gefällt mir an Frankfurt.

  • Das fängt schon bei so profanen Dingen wie der Fortbewegung an: Da hetzen oder schlendern diejenigen, die mit der U-, S- oder Straßenbahn platzsparend angereist sind, auf dem Forumsplatz an streifenfrei gewienerten Limousinen vorbei, die direkt am Halleneingang auf diejenigen warten, die schon bei ihrer Anreise etwas mehr Freiraum genießen konnten. Es macht irre Spaß, sich das Spektakel mit frischer Luft um die Nase vom Balkon in Halle 3 aus anzuschauen.
  • Im Gedränge auf den Rolltreppen müssen sich alle gleichermaßen dem Diktat der Langsamkeit beugen. Das versöhnt. Sneakers, Pumps und abgewetzte Lederschuhe stehen dort Stufe an Stufe, leger gekleidete Buchverschlinger Seite an Seite mit aufwendig gestylten, bunten Cosplayern oder Buchbranche-Menschen in gedeckten Farben. Frankfurter Buchmesse 2015
  • Alle sind in ihrer ganz eigenen ‚Mission‘ auf der Buchmesse – ob sie als Manga-Fans mit ihrem Kostüm in das fiktive Leben ihres Lieblingsprotagonisten eintauchen, als passionierte Leseratte auf der Suche nach einem neuen Lieblingsautor sind oder vielleicht selbst einer werden wollen.
  • Man sieht entspannte Besucher, die sich einfach im Geschehen treiben lassen (und auch Muße finden, einer Musikdarbietung des Gastgeberlandes Indonesien auf der Open Stage zu lauschen), aber auch die Gehetzten, die versuchen, ihren minutiös geplanten Terminkalender einzuhalten.
  • Gute Planung ist alles: 42er Autorenkollegen aus ganz Deutschland verabreden sich zum Mittagsplausch am Currywurststand, Autorinnen mit ihren Agenten zur Projektbesprechung, Bibliothekare und Buchhändler nehmen Termine mit Verlagsvertretern wahr, Bücherwürmer und Buchblogger treffen sich zum ersten Mal außerhalb der Social Media, Leser zum ‚Meet & Greet‘ mit Schriftstellern. FBM15 42er Messetreffen (Christiane Schlüter)
  • Auch das hochoffizielle Programm ist ein Fass ohne Boden, da fällt die Auswahl schwer! Da gibt es die ‚ganz großen Themen‘, wie die Zukunft des Buchmarktes, Sinn und Unsinn von E-Books oder der Stellenwert des Lesens als Freizeitbeschäftigung. Daneben stehen unzählige Nischenthemen, wie zum Beispiel „Der Radsport in Eritrea“.
  • Die Resonanz auf das große Angebot ist unterschiedlich: Lesungen (noch) unbekannter Autoren finden manchmal vor einer Handvoll Zuhörer direkt am Messestand statt, während auf der anderen Seite der Trennwand eine kilometerlange Besucherschlange auf die Prominenz wartet, um sich deren neue Schreibprodukte signieren zu lassen. Da mag man den Henssler echt grillen, wenn die Fans einem in Scharen durch die Standdeko latschen, nur um ihn aufs Foto zu bekommen.FBM15 SupaSistas Flammkuchen
  •  Nach ein paar Stunden braucht man spätestens eine Pause von dem Trubel! Selig die, die ihr Bütterchen und eine Thermoskanne Kaffee eingepackt haben, denn es dauert am Wochenende gerne schon mal eineinhalb Stunden, bis man aus der zweiten Etage runter auf den Hof und nach dem Flammkuchenimbiss mit der lieben 42er Kollegin Ingrid Haag wieder zurück am Stand ist. Bei nur 50 Metern Luftlinie. Eine andere Möglichkeit ist das Abgreifen von Keksen und Sektchen unterwegs – oder man setzt sich in der Gourmet Gallery ins Publikum vor die Showküche und wartet darauf, dass die TV-Sterneköche Häppchen ins Publikum werfen. Keine Ahnung, ob die das wirklich gemacht haben. Konnte nichts sehen, standen ja die Fans vom Henssler davor.FBM15 Gourmet Gallery_Steffen Henssler
  • Was man allerdings immer sieht, sind Menschen, die mit Rollkoffern ihre Manuskripte zur Messe karren – in der (meist irrigen) Ansicht und Hoffnung, diese während der terminverstopften Messetage bei seriösen Verlagen unterzubringen. Im Gegensatz dazu gibt es die, die nichts hinbringen, sondern möglichst viel Beute mit nach Hause schleppen möchten: Freiexemplare, Gummibärchen, Widmungen von gehypten Autoren, Selfies mit bekannten Gesichtern aus Funk und Fernsehen, Lesezeichen. Jede Menge Lesezeichen.
  • Diese landen in den Ledertaschen der Hochliteratur-Liebhaber ebenso wie in den Stoffbeuteln der Belletristik-Fans oder den Rucksäcken der Fantasy-Verschlinger. (Idee: Wer auf der Suche nach einem neuen Berufszweig ist, könnte über eine Karriere als Lesezeichen-Designer für E-Books nachdenken. Da stehen einem noch alle Möglichkeiten offen.)
  • Auch das ist nämlich Buchmesse: Innovation. Im Orbanism Space (initiiert u. a. von Networking-Spezialist und „Ich mach was mit Büchern“-Gründer Leander Wattig) werden Synergien gebastelt und neue Wege gepflastert; in der Halle nebenan kann man dagegen alte Buchpressen in Gang setzen und feinhandwerkliche Buchkunst bestaunen.
  • Auch das ist nämlich Buchmesse: Tradition. Bücher von Autoren, die schon Jahrhunderte tot sind, stehen neben solchen, die im März nächsten Jahres zur Leipziger Buchmesse bereits ‚überholt‘ sein werden. „Crazy“, würde Shakespeare sagen.
  • Spannend ist auch die Unterschiedlichkeit der Aussteller: Da wirbt auf der einen Seite des Ganges Fleischer Michel von Michel‘s Gewürzmanufaktur  für die ‚Boulettenbibel‘ – gegenüber hält eine Messestandsfachmitarbeiterin ein Poster mit Bambi in die Höhe, um für die vegane Kochfibel zu werben.
  • „Nirgendwo auf der Welt werden so viele Bücher gestohlen wie auf der Frankfurter Buchmesse“, sagt das Börsenblatt.
  • Nirgendwo gibt es so schöne Bücher, sagt der Publikumspreis „The Beauty and the Book Award“, der dieses Jahr zum zweiten Mal verliehen wurde. (Der Blog wird in Kürze hierüber berichten.) Denn in Frankfurt gibt es nicht nur die ganz bekannten Preise, sondern auch die ganz bald ganz bekannten. Oder die, die auf halbem Weg dahin sind, wie der Virenschleuderpreis, der seit 2011 für ansteckendes Marketing aus Kultur und Medien ausgelobt wird.

Und hier schließt sich der Kreis: Man schleicht sich oder wird durch die Gänge der Messe geschleudert und hegt ein ums andere Mal Gedanken wie „Wie abgefahren ist das denn? / Na gut, wenn es da einen Markt für gibt … / Wichtig, wichtig, wichtig. / Also ‚meins‘ ist das ja nicht … / Joa, kann man machen. / Mpf.“ Schön ist, dass alle, die man dort schlendern, hetzen oder schubsen sieht, eins eint: die Liebe zum Buch. Egal, was drin steht. Egal, wie die Wörter verpackt sind.

In diesem Sinne. Ich bin dann getz wech: Füße hochlegen. Ja, die Buchmesse war superanstrengend, aber da muss ich nächstes Jahr unbedingt wieder hin! Ja. Ohne Aber.

Ihre/eure Claudia Kociucki

Bildnachweis:

Foto Globus-Messestand: Dörthe Huth

Foto Cosplayer: Alexander Heimann/Frankfurter Buchmesse

Foto 42er Mittagspause: Christiane Schlüter

Foto Ingrid Haag und Claudia Kociucki mit Flammkuchen: Claudia Kociucki

Foto Gourmet Gallery: Claudia Kociucki

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