Cordula liest: Judith Pinnow – Die Phantasie der Schildkröte

Mir war mal wieder nach einem Buch von Judith Pinnow. Ihren Roman „Läuft da was?“ habe ich vor einiger Zeit mit viel Freude gelesen.

Nun also: „Die Phantasie der Schildkröte“, ein Roman über eine Frau Mitte vierzig, die für eine Versicherung arbeitet und deren Leben in streng ausgerichteten Bahnen verläuft. Eines Tages lernt sie im Fahrstuhl ein zehnjähriges Mädchen namens Schneewittchen kennen. Unfreiwillig kommt sie mit der Kleinen ins Gespräch, was damit endet, dass das Kind ihr eine Aufgabe stellt, die sie im Laufe des Tages erfüllen soll: Einen Menschen in der Bahn ansprechen.

Natürlich lehnt Edith diese Aufgabe kategorisch ab, denkt aber tagsüber immer wieder darüber nach. Durch einen Zufall kommt sie auf ihrem Nachhauseweg tatsächlich mit jemandem ins Gespräch, und so nimmt das Schicksal seinen Lauf, denn da sie diese Aufgabe erfüllt hat, trägt ihr Schneewittchen gleich die nächste auf: Sie soll Schwimmen lernen.

Das Buch von Judith Pinnow liest sich kurzweilig und amüsant und ist doch eine Geschichte mit Tiefgang, schließlich handelt es sich bei der Protagonistin um eine Frau, deren Leben so gar nicht der Norm entspricht. Sie ist ruppig, nahezu unhöflich im Umgang mit ihren Mitmenschen, sieht jedoch sich selbst, durch die ewigen Nörgeleien ihrer Mutter, als eine unattraktive, langweilige Person. Das macht sie nicht unsympathisch, im Gegenteil. Je mehr Aufgaben sie erfüllt und je mehr ich dadurch über sie erfahre, desto besser verstehe ich die Zusammenhänge und zolle ihr Respekt für die vielen kleinen Hürden, die sie bereits überwunden hat.

Inwieweit der Name Schneewittchen der Phantasie des zehnjährigen Mädchens entsprungen ist, oder ob Schneewittchen in dieser Form überhaupt existiert, ist eine Frage, die sich wohl jeder Leser stellen wird, vor allem, je weiter die Geschichte voranschreitet.

Bisher liest sich die Geschichte sehr flüssig und leicht, auch die Charaktere der hinzukommenden Freunde sind liebevoll und skurril gezeichnet. Edith beschäftigt sich mit allen Fragen des Zusammenlebens, fühlt sich durch den wachsenden Freundeskreis, der ihr geordnetes Leben ordentlich durcheinanderwirbelt jedoch oft überfordert. So klagt sie einmal, sie habe das Gefühl, in jedem ihrer Zimmer lodere ein Feuer, und sie wisse nicht, wie sie es löschen soll.

Ob sie die Feuer löscht oder anderweitig verwendet, wird wohl noch geklärt werden. Jetzt bin ich erst einmal gespannt, ob Edith auch ihre nächste Aufgabe erfüllen wird: Sie soll sich verlieben.

Wer Lust auf behagliche Unterhaltung durch die Geschichte einer Frau mit Ecken und Kanten hat, ist bei diesem Buch sicher bestens aufgehoben.

Es grüßt sehr herzlich,

Cordula Broicher

 

 

 

 

 

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