Das stille Haus – Amos‘ Beitrag

Still steht es da. Und doch scheint es bewohnt. Die Fenster sind klar, die Treppe ist immer gefegt, der Garten sauber, wenn auch nicht akkurat. Der Teich davor mit klarem Wasser, obwohl es ein wenig bräunlich ist.

Und doch. Niemand öffnet, wenn man klingelt. Seit Jahren macht er es, wenn er auf seiner Wanderung an diesem Haus vorbeikommt, schon aus Tradition. Auch diesmal. Er hat sich schon umgewandt und will wieder gehen, weil der Pflicht genüge getan ist, da stutzt Amos, wendet sich noch einmal um.

Die Tür ist offen. Einen Spalt nur, aber vorhin, als er klingelte, war sie es noch nicht.

Hallo? ruft er, doch es kommt keine Antwort. Er stößt die Tür noch ein wenig weiter auf und ruft ins Haus: Hallo? Ist da wer?

Keine Antwort. Er zögert, öffnet dann aber entschlossen die Tür ganz und geht hinein.

Der Hausflur ist dunkel. Nur das Licht hinter der geöffneten Haustür scheint hinein. Es riecht angenehm. Komisch, denkt sich Amos, es riecht so, als sei das Haus bewohnt.

„Hallo, ist jemand zuhause?“ Nichts. Wirklich nichts. Kein Geräusch ist zu hören. In dem Licht der geöffneten Haustüre sieht er eine breite Holztreppe die nach oben führt.

Langsam, Schritt für Schritt, geht er nun auf die Treppe zu und tritt auf die erste Stufe.

Mit der linken Hand hat er unbewusst den Handlauf genommen. Das Holz ist glatt, fühlt sich angenehm an, irgendwie heimatlich.

Die Stufe knarzt etwas, durch jahrzehntelange Tritte ist jede Stufe an der gleichen Stelle vertieft. Dann ein Absatz. Rechts eine Tür, links ein Korridor. Er klopft an die Tür. Nichts. Nach dem nächsten Klopfen, drückt er die Klinke herunter, kann die Tür öffnen.

Wunderbar. Die nachmittägliche Herbstsonne scheint durch hohe Fenster, der Boden mit breiten, alten Dielen ausgelegt, ein runder Tisch mit Tatzenfüßen, fünf stilvolle Stühle daran, die Stille, das Licht – dies alles berührt den Betrachter. Die Zeit scheint zwar still zu stehen, aber es gibt keinen Staub auf dem Boden oder auf den Möbeln. Die Fenster sind sauber und klar. Vielleicht ist jemand zum Putzen ins Haus gegangen, sinniert Amos, während er einige Schritte in das Zimmer geht. Eine aufgeschlagene Zeitung liegt auf dem Tisch. Auf der linken Seite ist die Schlagzeile „Als John Lennon nach Verden kam“ eingekringelt. John Lennon? Amos schaut auf das Datum: September 1966. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die aufgeschlagene Zeitung, fein säuberlich liegt sie hier auf dem Tisch. Kein Staub darauf, kein bisschen vergilbt, noch gut leserlich. Er geht durch das ganze Haus, will wissen, ob sich da nicht doch jemand finden lässt. Entschlossen steigt er in den zweiten Stock. Diesmal steht er vor drei Türen. Rechts rum ist er schon im ersten Stock gegangen, jetzt geht er links herum. Ohne anzuklopfen drückt er die Klinke herunter. Die Türe lässt sich öffnen. Er steht auf einer geräumigen Terrasse. Der blaue Herbsthimmel ist zu sehen. Die Sonne scheint ungehindert auf die blauen Fließen und etwas zur Seite steht eine Sonnenliege. Schon wieder eine Zeitung! Diesmal liegt sie aufgeschlagene auf dem Gesicht eines Menschen. Bis auf eine rote Shorts ist der Mann unbekleidet. Keine Bewegung. Amos klopft an den Türenrahmen. Der Mann rührt sich nicht. Nochmal klopft er, diesmal länger, kräftiger. Jetzt kommt die Zeitung in Bewegung, mit beiden Händen wird sie vom Gesicht genommen.

Das glaube ich jetzt nicht, denkt Amos. Unter Zeitung kommt ein Gesicht mit Nickelbrille hervor. John Lennon als Widergänger? Das würde die Stille im Haus erklären. Oder? Nix da mit Stille. „ Hey,“ grüßt John Lennon und hebt dabei ein Hand ein wenig hoch. „Hier in der Sonne ist es doch am Schönsten. Wie isset, auch ‘n Pilsken?“ Herr Lennon greift unter die Liege, zauberte eine Flasche Bier hervor und hält sie Amos einladend hin. Amos setzt sich auf einen Gartenstuhl, nimmt die Flasche. „Äh … die Tür stand offen,“ versucht er einen Smalltalk. „Sonst ist die immer zu wenn ich hier vorbeikomme. Da bin ich neugierig geworden. Entschuldigen Sie, wenn ich gestört habe.“ Lennon kichert in bisschen, streckt sich und setzt sich aufrecht hin. „Gestört“ grinst er, „gestört ist einiges hier im Haus. Jetzt ist aber genug mit der Stille. Komm mal mit. Nimm dat Pülleken nur mit, man weiß ja nie, wat jetzt kommt,“ kichernd steht er auf, schlurft mit nackten Füssen über den Balkon zu einer Tür. Was soll Amos auch machen? Sprachlos geht er dem kichernden John Lennon hinterher.

Der Beatle ist durch die geöffnete Tür gelatscht, der Besucher bleibt wie angenagelt stehen. Ein sonnenstrahlender Raum, uralte, abgewetzte, schönen Dielenbohlen, in dem Raum alle mögliche Instrumente ordentlich auf einer kleinen Bühne. „Wat is, allet jut im Schuss. Musse nur einstöpsel. Seit gestern gibbet wieder Strom inne Hütte. Wat hasse denn so drauf?“

„Äh, ich?“

Das Schlagzeug macht nun ein weiteres Gespräch nicht möglich. Kartoffel, kartoffel, gading, gading. Snare, Bass, TomTom, Crash, alles war in Bewegung. Eine akustische Gitarre steht auch rum. Schön, denkt sich Amos, sogar mit Tonabnehmer. Umhängen, Verstärker an, C-Dur Akkord, geht doch.

Das Schlagzeug geht in den Vierviertelakt über. Kann ja nix passieren, C-Dur, F-Dur, G-Dur. Einsteigen zum Takt vom Drummer. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Die beiden rocken das stille Haus. Jeder spielt mit dem Anderen. Zusammen treffen sie sich bei den unterschiedlichen Riffs auf der Gitarre, beim Beat des Drummers. Als die Sonne untergeht, das Zimmer in der Dämmerung liegt, sitzen sie endlich bei dem Bier.

„Das habe ich lange nicht mehr gemacht, ich heiße übrigens Willi.“

„Amos“

Sie schütteln sich die Hände, schlagen die Bierflaschen mit den Böden aneinander, den Kopf in den Nacken, schlucken, absetzten, den Mund mit dem Handrücken abwischen. Irgendwie machen sie diese Geste fast synchron. Lachend schauen sie sich an.

„Wat machse mit der Mucke?“

„Nix, ist nur so für den Hausgebrauch. Mit anderen habe ich noch nichts gemacht. Das war quasi Premiere. Bei dir sieht das anders aus?“

„Das täuscht. Alte Zeiten werden zwar wach, wenn ich an der Schießbude sitze, aber, das ist lange her.“

„Ist das Dein Haus, oder wieso bist Du jetzt da?“

„Jau, das Haus gehört mir jetzt und jetzt bin ich auch hier. Alles andere ist eine lange Geschichte. Wennze willst, kannze immer kommen. Ein Pilsken is immer da, bissken Mucke machen, abhängen. Wie isset?“

Mit dieser Frage beginnt eine lange, kreative Freundschaft.

Ihr Amos Ruwwe

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