Das stille Haus – HDs Beitrag

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Still steht es da. Und doch scheint es bewohnt. Die Fenster sind klar, die Treppe ist immer gefegt, der Garten sauber, wenn auch nicht akkurat. Der Teich davor mit klarem Wasser, ein wenig bräunlich vielleicht.

Und doch. Niemand öffnet, wenn er klingelt. Seit Jahren macht er es, wenn er auf seiner Wanderung an diesem Haus vorbeikommt. Auch dieses Mal. Und wie all die anderen Male hat niemand geöffnet.

Er will wieder gehen, da hört er ein Klicken hinter sich. Noch einmal wendet er sich um. Die Tür ist offen. Einen Spalt nur, aber vorhin, als er klingelte, war sie es noch nicht.

„Hallo?“ ruft er, doch es kommt keine Antwort. Er stößt die Tür noch ein wenig weiter auf und ruft ins Haus: „Hallo? Ist da wer?“

Keine Antwort. Horst-Dieter zögert, stößt dann aber entschlossen die Tür ganz auf und geht hinein.

Der große Vorraum liegt still vor ihm. Durch das gegenüberliegende Fenster flirrt das Licht der bereits tief stehenden Sonne hinein. Staubflocken tanzen in den Lichtstrahlen, aber nicht viele. Alles ist sauber und akkurat. Eine Treppe führt nach oben. Er schaut aber zunächst in die angrenzenden Zimmer. Die Küche ist so aufgeräumt wie das Esszimmer gegenüber, daran anschließend das Wohnzimmer. Horst-Dieter geht erst einmal auf die Toilette, die gleich neben dem Eingang liegt. Die Blase drückt doch allzu sehr. Während er sich noch erleichtert, hört er Geräusche, so als wenn jemand im oberen Stockwerk herumgeht. Flüchtig wäscht er sich die Hände und geht auf die Treppe zu. Den Keller nehme ich mir später vor, denkt er und fast gleichzeitig: Wenn oben jemand ist, brauche ich ja nicht mehr in den Keller gehen.

Aber oben scheint auch niemand zu sein. Das kleine Zimmer neben der Treppe, wohl das Gästezimmer, ist schon länger unbenutzt. Hier sieht er erstmals Staub auf dem kleinen Tischchen unter dem Fenster liegen. Angrenzend das Bad, daneben das Schlafzimmer – leer und still wie alles andere im Haus. Nur noch ein Zimmer bleibt übrig. Er öffnet es leise. Zuerst sieht er die vielen Bücher an den Wänden. Er tritt ein und staunt die bis unter die Decke gefühlten Regale an.

»So viele«, flüstert er.

»Und doch nicht genug«, antwortet eine Stimme, die ein wenig alemannisch klingt. »Es kommen je und je noch welche hinzu.«

Er sieht sich um. In einem Lehnstuhl am Fenster sitzt eine hagere Gestalt, die Drahtbrille abgenommen, in der linken Hand, auf dem Tischchen daneben eine ausglimmende Zigarre neben einem Rotweinglas.

»Kommen Sie näher«, sagt er und weist auf einen kleinen Hocker unweit des Sessels. Befangen setzt Horst-Dieter sich und weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll.

»Ich habe gerufen«, sagt Horst-Dieter. »Unten an der Tür. Es hat niemand geantwortet. Deshalb bin ich hereingekommen –  die Tür stand ja offen – um zu sehen, ob vielleicht jemand Hilfe braucht.«

»Hilfe nicht«, antwortet der Alte, »aber ein wenig Geselligkeit. Die anderen kommen gar nicht erst zu mir herauf.«

»Ach«, sagt Horst-Dieter, »da können auch andere beim Vorbeigehen an diesem Haus nicht widerstehen.«

»Die gehen dann nur unten in die Küche, gucken in die Schränke. Manche schauen sich auch den Keller an, um dort versteckte Leichen zu finden.« Er kichert. »Die finden da aber nur ihre eigenen.«

Nun setzt er sich die Brille auf und Horst-Dieter erkennt ihn.

»Herr Hesse, es ist mir eine Freude, ihnen Gesellschaft zu leisten.«

Er schaut auf das kleine Tischchen, das neben seinem Sessel steht und erkennt darauf Glasmurmeln unterschiedlicher Größe.

»Es ist lange her, dass ich ein Glasperlenspiel gelegt habe«, flüstert Hesse und beginnt die Murmeln zu verschieben und zu ordnen. Beim aneinander stoßen gibt es ein leises Klingen. Jede Kugel hat einen anderen Ton, ihrer Größe und Beschaffenheit entsprechend. Sie bilden seltsame und berückende Akkorde. Während die dünnen Finger des alten Hesse mit den Kugeln spielen, immer neue Klangcluster entstehen, mal laut, mal leise, wandern Horst-Dieters Gedanken zum Fenster hinaus, schweben zu den Wolken hinauf und er, unendlich glücklich, folgt ihnen und verschwindet für immer …

Ihr Horst-Dieter Radke

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