Das stille Haus – Jörgs Beitrag

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Still stand es da. Und doch schien es bewohnt. Die Fenster waren klar, die Treppe war immer gefegt, der Garten sauber, wenn auch nicht akkurat. Der Teich davor mit klarem Wasser, ein wenig bräunlich vielleicht.

Und doch. Niemand öffnete, wenn er klingelte. Seit Jahren machte er es, wenn er auf seiner Wanderung an diesem Haus vorbeikam. Auch dieses Mal. Und wie all die anderen Male hatte niemand geöffnet.

Er wollte wieder gehen, da hörte er ein Klicken hinter sich. Noch einmal wand er sich um. Die Tür war offen. Einen Spalt nur, aber vorhin, als er klingelte, war sie es noch nicht.

„Hallo?“ rief er, doch es kam keine Antwort. Er stieß die Tür noch ein wenig weiter auf und rief ins Haus: „Hallo? Ist da wer?

Als Jörg durch die Tür kam, befand er sich in einem langen Flur. Von außen hätte er dem Haus diese Weite im Innern gar nicht zugetraut. Es musste sich um eine optische Täuschung handeln, die ein geschickter Architekt umgesetzt hat. Langsam und zögerlich ging er den Flur entlang, vorbei an den ersten Türen. Jede von ihnen auf der rechten Seite hatte ein Schild, auf der ein Wochentag stand. Die Türen auf der linken Seite waren mit Monatsnamen beschriftet. Als er beim August angekommen war, sah er rechts die Tür mit der Aufschrift “Frühling”. Er ging weiter und fragte sich, was auf dieser Seite wohl nach dem Dezember kommen würde, da sah er auch schon das Schild mit der Aufschrift “2016”. Jörg ging weiter durch die Tür am Ende des Ganges und kam in ein Treppenhaus. Jetzt wurde ihm bewusst, dass es sich nicht mehr nur um eine optische Täuschung handeln konnte. An der Wand neben der Treppe ging ein Pfeil nach oben mit der Beschriftung “2017” und ein Pfeil mit “2015” zeigte die Treppe hinunter. Jörg beugte sich über das Geländer und ihm wurde schwindelig. Scheinbar unendlich war die Tiefe, und genauso ging es ihm, als er den Blick nach oben richtete. Er torkelte zurück in den Gang und lief dann, so schnell er konnte, wieder zum Ausgang. Als er die Haustür öffnete, lag im Garten schon Schnee.

Ihr Jörg Lingrön

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