Der Geruch des späten 18. Jahrhunderts

Irgendwann in den Jahren vor der Französischen Revolution sitzt in einem Vorzimmer des Schlosses Versailles ein junger, aber nicht blutjunger Mann und wartet, wartet darauf, dass sich entscheidet, ob dies der wichtigste Tag seines Lebens sein wird. Plötzlich kommt ein kleiner Hund vorbei, entleert seine Blase an einer goldenen Amphore und der Hundeurin rinnt langsam über das unebene Parkett, versickert schließlich in den Ritzen.
So beginnt Andrew Millers Roman „Friedhof der Unschuldigen“. Ich weiß, in ein paar Jahren werde ich die Handlung nicht mehr zusammenkriegen, aber dieses Bild, der wartende Mann und der über den Boden fließende Urin des Schoßhündchens, dieses Bild werde ich im Kopf behalten.
Durch solche, die Stimmung vollkommen einfangende Bilder besticht Andrew Miller und trägt einen durch diesen Roman, dessen Handlung im Grunde unspektakulär ist: Jean-Baptiste Baratte bekommt von höchster Stelle den Auftrag, den in Zentralparis gelegenen Friedhof der Unschuldigen zu entfernen, da dessen Ausdünstungen als gesundheitsgefährdend angesehen werden. Möglichst unauffällig soll er dabei vorgehen, fürchtet man doch, die abergläubische Bevölkerung könne wegen dieser Störung der Totenruhe empfindlich reagieren.
Obwohl die eigentlich Geschichte durchaus spannend ist, lebt der Roman von Millers großartiger – von vielen Kritikern als ‚kühn‘ gepriesener – Sprache, mit der es ihm gelingt, das Ancien Régime tatsächlich für den Leser fühlbar zu machen. Man friert mit Jean-Baptist in seinem ungeheizten Dachkämmerchen, man schwitzt mit den Arbeitern in der Gluthitze des Pariser Sommers, man riecht den Gestank der aufgebrochenen Erde und des fettigen Haars unter den Perücken.
Die auftretenden Figuren sind ein Kaleidoskop der verschiedensten gesellschaftlichen Schichten des damaligen Paris, ohne jedoch jemals ins tableauhafte abzugleiten. Vielmehr sind es Menschen von solcher Glaubwürdigkeit und Lebendigkeit, dass man nach der Lektüre des Buches das Gefühl hat, eine ganze Handvoll neue Bekannte gemacht zu haben – keineswegs sind sie einem immer sympathisch, keineswegs kann man ihre Handlungen immer gutheißen, doch wer kann das schon bei seinen Bekannten?
Für mich persönlich war Millers Roman einer der besten, die ich dieses Jahr lesen durfte, eines jener Bücher, die ich dieses Jahr zu Weihnachten verschenken und dabei ein ganz klein wenig Neid gegenüber dem Beschenkten empfinden werde. Neid, weil der Beschenkte die Freuden dieses Buches zum ersten Mal genießen darf.
Kaufen Sie es, wenn Sie schon immer einmal einige Stunden im Ancien Régime leben wollten!

Ihre Joan Weng

Kann man heute noch historische Romane schreiben, nachdem eine Flut von Historienschmökern die Lesergemeinde überschwemmt und für deren Verringerung des literarischen Geschmacks gesorgt hat? Man kann. Einige wenige tapfere Autoren halten stand und liefern Romane und Erzählungen, die nicht zu Fantasy-Schmökern verkommen sind.

Einer dieser Autoren ist der englische Romanautor Andrew Miller. Bereits mit seinem ersten Roman begibt er sich in das 18. Jahrhundert. Der 2011 erschienene Roman »Pure« (dt. »Friedhof der Unschuldigen«) führt in die Zeit kurz vor der Französischen Revolution nach Paris. Der junge Ingenieur Jean-Baptiste Baratte, soll den »Cimentière des Innocents« beseitigen. Zu sehr leiden die Pariser und insbesondere die Anwohner des Friedhofs unter der Überfülle begrabener Leichen mitten in der Stadt. Allerdings haben sich einige auch so daran gewöhnt, dass sie sich die Entfernung dieses Friedhofs nicht vorstellen können. Etwa die Familie Monnard. Bei dieser kommt es auch schließlich zu einer Katastrophe, die in dieser Art nicht vorausgeahnt werden kann. Selbst ein paar Sätze zuvor, obwohl schon deutlich wurde, dass eine Katastrophe bevorstand, war mir nicht klar, was folgen würde. Mit einem Schlag war dann alles anders. Das, was zuvor nicht recht in die Gänge kommen wollte, passierte danach umso schneller, was dann gegen Ende des Romans in die zweite Katastrophe führt, die sich dann aber als Befreiung erweist. Sie schließt das Buch fast schon abrupt, hinterlässt aber nicht den Eindruck es wäre unfertig.

Der Autor erzählt im Präsens. Das ist eine geschickte Wahl, denn die Sinneseindrücke der handelnden Personen drängen sich viel stärker auf. Man fürchtet quasi jeden Augenblick, den Leichengeruch, der über dem Friedhof und dem umgebenden Stadtteil schwebt, gleich im nächsten Moment selbst zu riechen. Oder den Durchfall, den der Protagonist in letzter Not in der Latrine des Arbeitslagers abwirft. Das Personal des Romans ist weitgehend erfunden, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Eine ist der Arzt Joseph-Ignace Guillotin, der später das Hinrichtungsgerät optimieren wird, das bis heute seinen Namen trägt. Aber das ist nicht die Geschichte dieses Buches. Der Arzt Giuillotin spielt lediglich die Rolle eines begleitenden Korrektors. Er bringt keinen eigenen Handlungsfaden, zeichnet aber manchen Handlungsstrang etwas deutlicher und sorgt unter anderem dafür, dass der Roman zeitlich verortet werden kann. Nicht nur durch die Person an sich, sondern auch durch die bis dahin erreichte Wissenschaft. Es wird deutlich etwa dadurch, dass er ihn und einen zweiten Arzt, der aber nach der Einführung kaum noch eine Rolle spielt, eine Untersuchung an einigen der ausgegrabenen Leichen vornehmen lässt.

Mein Exemplar des Romans verunstaltet ein goldfarbener Aufkleber mit der Aufschrift »Lesetipp«. So sehr mich solch naive Beeinflussung unbeeindruckt lässt – ich habe das Buch auf Empfehlung einer in literarischen Dingen vertrauenswürdigen Person gekauft und gelesen -, ich kennzeichne dieses Buch nun am Ende dieser Rezension ebenfalls als Leseempfehlung.

Ihr Horst-Dieter Radke

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