Die allzu früh Gegangenen: Elisabeth Kulmann

Mir ahnet oft, ich werde

Nicht lange auf der Erde

Verweilen, und schon frühe

Den Brüdern folgen, welche

Die Erde früh verließen,

Ach! auf dem öden Schlachtfeld

Vielleicht in langen Leiden

Den jungen Geist aushauchend!

 

Mit diesen Versen aus dem Gedicht „Der Kukuk“ sollte Elisabeth Kulmann Recht behalten, denn die Dichterin starb mit nur 17 Jahren im Jahr 1825. Sie wuchs nach dem Tod des russischen Vaters, von ihrer deutschen Mutter gefördert und unterrichtet, in St. Petersburg in ärmlichen Verhältnissen auf.

Schon früh wurde ihre sprachliche Begabung deutlich. Mit sechs Jahren sprach sie fließend Russisch und Deutsch, lernte später Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Französisch, Englisch und Griechisch. Auch die klassischen Sprachen Latein und Altgriechisch las und verstand sie, zusätzlich auch das Kirchenslawisch. Ihre Sprachkenntnisse nutzte sie für Übersetzungen von Dramen, Fabeln und Märchen, aber auch für eigene Werke. So übersetzte sie Hesiod, studierte Homer und schrieb Gedichte, vor allem in ihren Lieblingssprachen Deutsch, Russisch und Italienisch. Zwischen ihrem 11. und 17. Lebensjahr sollen es rund 980 gewesen sein, die ihr Lehrer Karl Friedrich von Großheinrich nach ihrem Tod veröffentlichte. Goethe sagte ihr eine große literarische Zukunft voraus, egal in welcher Sprache sie schreibe.

Eine schwere Krankheit, die sie sich im November 1824 bei einer großen Flutkatastrophe in St. Petersburg zuzog, kostete sie ein Jahr später das Leben. Welchen Eindruck ihre Werke machten, zeigt, dass Robert Schumann mehr als 25 Jahre nach ihrem Tod sieben ihrer Gedichte (op. 103 und op. 104) vertonte.

Mit welchem Selbstbewusstsein sie ihr armes Elternhaus, ja ihr Leben beschreibt, zeigt das folgende Gedicht:

Meine Lebensart

In der ganzen Stadt ist keine

Hütte kleiner als die meine;

Für mich ist sie groß genug.

Noch viel kleiner ist mein Gärtchen,

Ich nur gehe durch sein Pförtchen;

Doch auch so ist’s groß genug.

 

Zweimal setz‘ ich mich zu Tische,

Etwas Fleisch, Kohl, Grütze, Fische;

Hungrig ging ich nie zur Ruh.

Ja, im Sommer, ess‘ ich Beeren:

Him- und Erd- und Heidelbeeren,

Oft kommt eine Birn dazu.

 

Bisher hatt‘ ich stets zwei Kleider;

Viele Menschen haben, leider!

Eines nur, und das noch schwach.

Klagen wäre eine Sünde!

Arm ist nur der Lahme, Blinde,

Und die Waise ohne Dach.

 

Zum Ende ihres kurzen Lebens entstand das Gedicht „Gekämpft hat meine Barke“, ein Werk, das Robert Schumann an den Schluss seines Kulman-Zyklus setzte, und das den Abschied eines sterbenden Kindes thematisiert:

Gekämpft hat meine Barke

 

Gekämpft hat meine Barke

Mit der erzürnten Fluth.

Ich seh‘ des Himmels Marke,

Es sinkt des Meeres Wuth.

 

Ich kann dich nicht vermeiden,

O Tod nicht meiner Wahl!

Das Ende meiner Leiden

Beginnt der Mutter Qual.

 

O Mutterherz, dich drücke

Dein Schmerz nicht allzusehr!

Nur wenig Augenblicke

Trennt uns des Todes Meer.

 

Dort angelangt, entweiche

Ich nimmermehr dem Strand:

Seh‘ stets nach dir, und reiche

Der Landenden die Hand.

Werke von Elisabeth Kulmann gibt es nur antiquarisch und hochpreisig. Allerdings kann man hier im Internet fündig werden.

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

 

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