Die allzu früh Gegangenen: Karoline Günderrode

Die „Sappho der Romantik“ sollte sie später genannt werden, die Hofratstochter Karoline Friederike Louise Maximiliane von Günderrode aus Karlsruhe. Ihr Leben, das geprägt war vom Konflikt ihres Freiheitsdranges mit der Frauenrolle ihrer Zeit, vor allem aber ihr Sterben, sie erdolchte sich selbst mit 26 Jahren, verstellen den Blick auf ihr Werk.

Im Alter von 17 Jahren tritt sie in ein Damenstift ein, studiert Philosophie, Geschichte, Literatur und Mythologie. Sie nimmt begeistert die Ideen der Französischen Revolution auf und sehnt sich nach einem selbstbestimmten Leben.

Mit 24 erscheint ihres erstes Buch mit Gedichten und Phantasien, „Tian“. „Diese Gedichte sind eine wirklich seltsame Erscheinung“, schrieb ihr Goethe bewundernd, aber auch irritiert. Clemens Brentano, der kurz darauf selbst berühmt wird, äußert sich überrascht über ihr Talent.

Das Zerrissensein zwischen ihren eigenen Ideen und Idealen und der für eine Frau ernüchternden Realität des beginnenden 19. Jahrhunderts zeigt sich auch in ihren Versen:

„In die heitre freie Bläue

In die unbegränzte Weite

Will ich wandeln, will ich wallen

Nichts soll meine Schritte fesseln.

 

Leichte Bande sind mir Ketten

Und die Heimat wird zum Kerker.

Darum fort und fort ins Weite

Aus dem engen dumpfen Leben.“

 

Ihr ungewöhnliches Auftreten, ihr fortwährendes Missachten von Konventionen lässt viele Zeitgenossen an ihrer Weiblichkeit zweifeln. Sie selbst sieht sich zwar als Frau, aber mit den „Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft.“

Als sie den Philologen und Mythenforscher Friedrich Creuzer kennen lernt, findet sie in ihm einen Verleger, aber auch eine verhängnisvolle Liebe. Die beiden schwören sich Liebe bis in den Tod, Creuzer plante gar eine gemeinsame Zukunft mit Ehefrau und Geliebter unter einem Dach. Die Frau sollte den Hausstand führen, mit Karoline wollte er ein freies und poetisches Leben führen. Die Briefe der beiden gelten vielen heute als die schönste Liebeskorrespondenz der deutschen Literatur.

Karoline lebt ganz für diese Liebe, wollte gar in Männerkleidern seine Vorlesungen besuchen, um stets in seiner Nähe zu sein.

Der Kuß im Traume

Es hat ein Kuß mir Leben eingehaucht,

Gestillet meines Busens tiefstes Schmachten,

Komm, Dunkelheit! mich traulich zu umnachten

Daß neue Wonne meine Lippe saugt.

 

In Träume war solch Leben eingetaucht,

Drum leb‘ ich, ewig Träume zu betrachten,

Kann aller andern Freuden Glanz verachten,

Weil nur die Nacht so süßen Balsam haucht.

 

Der Tag ist karg an liebesüßen Wonnen,

Es schmerzt mich seines Lichtes eitles Prangen

Und mich verzehren seiner Sonne Gluthen.

Drum birg dich Aug‘ dem Glanze irr’dscher Sonnen!

Hüll‘ dich in Nacht, sie stillet dein Verlangen

Und heilt den Schmerz, wie Lethes kühle Fluthen.

 

Als Creuzer erkrankt und seine Frau ihn gesundpflegt, beendet er das Verhältnis mit Karoline Günderrode. Mit medizinischer Präzision, sie hatte sich sogar von einem Chirurgen beraten lassen, stieß sie sich am 26.Juli 1806 einen Dolch zwischen die 4. und 5. Rippe bis in die linke Herzkammer.

Die Radikalität ihres Lebens und ihres Sterbens machte die Günderrode berühmt, bewundert von der Frauenbewegung. Ihr literarisches Schaffen, zu ihren Lebzeiten nicht minder radikal, gilt es neu zu entdecken.

Eine Schlussbemerkung zur Namensschreibweise sei erlaubt. Die Familie selbst schrieb sich stets mit einem doppelten „r“, was aber oft missachtet wurde.

Ein günstige Möglichkeit, Karoline Günderrode kennen zu lernen, bietet die reclam-Bibliothek. Unter dem Titel „Gedichte, Prosa, Briefe“ findet der geneigte Leser einen guten Einstieg.

Im Netz lassen sich hier einige Werke der Günderrode finden.

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

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