Die Krise des Buches vor hundert Jahren

Am 12. Februar 1902 schrieb der Schriftsteller Emil Löbl im Feuilleton der Innsbrucker Nachrichten einen interessanten Artikel: Die Krise des Buches.

Vor unseren Augen spielt sich seit Jahrzehnten ein merkwürdiger Kampf ab. Wir Zeitgenossen achten seiner wenig, aber es ist ein Entwicklungsprocess von umwälzender Bedeutung, und der Cultur-Historiker der Zukunft wird ihm ernste Beachtung widmen. Es ist der Vertheidigungskampf, der Verzweiflungskampf des Buches gegen die Zeitung.

Das Buch hatte es wohl schon immer schwer gegen andere Medien.

Weit über ein Jahrhundert ist es bereits her, daß der englische Cleriker und Schriftsteller George Crabbe (17543 bis 1832) in stelzbeinigen Alexandrinern darüber gejammert hat, wie die Zeitung allgemach das Buch verdrängt, wie die zarte Muse dem robusten neuen Eindringling das Feld räumen muß. In seinem Lehrgedicht „The newspaper“ (1785) schreibt er unter anderem:

„Die Zeit ist schlimm für Dichter. Athemlose Hast

Hat Verse nie geliebt und Reime stets gehaßt …

Warum denn sinkest Du, die einstens triumphiert,

Die in der Schwestern Neun das Scepter hat geführt?

Ach, neuer Zauber hat gelockt die schwanke Menge!

Des Lesers Auge bannt ein buhlerisch Gedränge,

Ein täglich neuer Schwarm von Blättern sonder Zahl;

Der Sterbliche benennt die tödlichen: Journal.

Und ungelesen liegt der edlen Geister Band

Und ungeknittert stirbt, was der Olymp gesandt;

Es harret ungekauft, jungfräulich manches Buch,

Es sinket ungesehen. Die Zeitung ist sein Fluch.“

Was hätte der gute Mann wohl über das Internet gereimt?

Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir, auf das gerade erschienene: „www… In den Echokammern des Internets“ der Vontobel-Schriftenreihe hinzuweisen. Das gibt es gedruckt und elektronisch kostenfrei.

Nun aber weiter:

[…] Jawohl, die Zeitung rückt dem Buche an den Leib, langsam, kaum merklich, aber unaufhaltsam und mit absoluter Siegesgewißheit. Die Zeitung wächst, schwillt an, wird selbst ein kleines Buch, und sie ist es, der der Durchschnittsleser, der Berufsmensch die knapp bemessene Zeit der Lectüre immer ausschließlicher opfern muß. Fast täglich hört man die Klage: Ich komme nicht dazu, ein Buch zu lesen. Gar erst mehrbändig! Welcher beschäftigte Mann kann es wagen, sich in ein Werk von drei oder vier Bänden zu stürzen? Die französischen Romandichter und Verleger nehmen längst Rücksicht auf diese Scheu des Publicums und bieten fast ausschließlich einbändige Romane.

Was aber ganz besonders schlimm ist, vor allem in Deutschland, beschreibt Emil Löbl auch:

[…]Uns ziert bekanntlich von altersher die Tugend, Bücher zu lesen ohne sie zu kaufen. Der Engländer und besonders der Amerikaner kauft, auch ohne zu lesen.

Emil Löbl führt das noch ein bisschen aus und kommt dann zum Kernpunkt des Problems:

[…]Aber wir reden hier ja gar nicht vom Kaufen, wir reden vom Lesen, und da steht es fest, daß das Publicum der schöngeistigen Buchliteratur sich immer ausschließlicher aus der Frauenwelt recrutiert, bei dem starken Geschlechte aus den Jünglingen, die noch nicht im Berufe stehen, und aus jenen verhältnismäßig wenigen Glücklichen, die kein regulärer Beruf in Anspruch nimmt. Der erwachsene Mann jedoch mit Berufs- und Erwerbspflichten kommt selten zur Buchlectüre, die Zeitung nimmt seine Lesezeit in Anspruch.

So sieht’s aus. Damals wie heute. Wer, egal ob Einkaufsleiter bei Aldi oder Vorstandschef in der Stahlindustrie, kann noch seine geringe Freizeit mit dem Lesen von Büchern verbringen? Wenn schon die Arbeitszeit weit jenseits der 40-Stunden-Woche liegt und die karge freie Zeit zwischen Familie und Geliebter geteilt werden muss, soll dann das kleine Zeitfenster, das vielleicht für Entspannung verbleibt, mit Bücherlesen verschwendet werden? Zeitung reichte damals, heute ist es das Internet.

Noch eine andere Beschwerde hat das Buch gegen die Zeitung; sie raubt ihm nicht nur die Leser, sie entzieht ihm auch die Talente. Zahlreiche Literaten verzetteln ihre Kraft in der Zeitung. Wie viel Arbeit, Wissen und Talent zerflattert hier im Winde, und was ließe sich mit diesem geistigen Capital schaffen, wenn es auf die einheitliche systematische Bucharbeit concentriert würde?

Tja – alles vertan. Es hat wohl niemand auf den Herrn Löbl gehört. So haben diese fehlgeleiteten Talente womöglich auch das Internet erfunden und weiter am Untergang unserer „Cultur“ gearbeitet. Der Autor arbeitet sich noch weiter in dieser Richtung vor, zitiert konkrete Beispiele von Journalisten und „Zeitungscorrespondenten“ herbei:

Und Karl Bücher, der bekannte Leipziger National-Oekonom, spricht es geradezu aus, daß „die Publicationsform des Buches von Jahr zu Jahr an Boden verliert.“

Man erwartet fest, dass nun im letzten Absatz der Suizid des Herrn Löbl angekündigt wird. Doch weit gefehlt:

In dieser Entwicklung waltet eine tiefere culturhistorische Nothwendigkeit. Die Zeitung ist eben die adäquate literarische Form der Gegenwart: In ihrer Richtung auf das Actuelle, Gegenwärtige, Heutige, Stündliche ist sie die höchstgesteigerte Unruhe und Nervosität, wartet nicht, geduldet sich nicht, vergisst von heute auf morgen und rast mit unheimlicher Schnelligkeit durch der Zeiten Flucht. Und darum, weil die Zeitung der organische und naturgetreue Ausdruck des Charakters unserer Zeit ist, eben deshalb ist sie auch die Beherrscherin unserer Zeit geworden, und darum zieht sich das ruhigere, bedächtigere Buch verschüchtert von ihr zurück.

So sieht es aus! Deshalb gibt es heute kaum noch Bücher. Schon vor hundert Jahren hat die Zeitung alles kaputt gemacht.

Ihr Horst-Dieter Radke

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