Dorrit liest: Abraham Verghese „Rückkehr nach Missing“

Opulent kommt Vergheses Roman „Rückkehr nach Missing“ daher – allein der Umfang von mehr als 800 Seiten flößt Respekt ein. Wer liest denn heute überhaupt noch solche Wälzer?

Ich!

Und ich bereue keine einzige Seite. Zwei Tage lang habe ich weder meinen Computer angeschaltet noch zum Telefon gegriffen oder geschrieben. Stattdessen habe ich mich von Abraham Verghese nach Äthiopien entführen lassen. Ich bin ihm in das Missing-Hospital in Addis Abeba gefolgt, in dem Marion und Shiva 1954 geboren werden, als eineiige, siamesische Zwillingsbrüder, deren Verbindung am Kopf während der Geburt getrennt wird und doch in ihrem weiteren Leben spürbar bleibt. Allein 180 Seiten – keine zuviel – des Buches ranken sich um die Geburt und die die Geschichten der Menschen, die zu dieser Zeit im Missing-Hospital leben und sterben. Denn die Mutter überlebt die Geburt nicht und der Vater verschwindet.

So wachsen die Zwillinge bei Hema und Gosh auf. Die beiden sind die einzigen Ärzte am Missing, Hema ist Gynäkologin und Gosh Chirurg. Ihre Berufe spielen in dem Buch auch eine Rolle – immer wieder geht es auch um die Möglichkeiten der Medizin unter den bestehenden Umständen. Die Jungen wachsen zunächst als MarionShiva auf, erst im Laufe der Jahre entfernen sie sich voneinander und in ihrer Jugend kommt es zum Bruch. Bis dahin aber vergehen weitere 350 Seiten des Buches voller Geschichten aus dem Äthiopien der fünfziger und sechziger Jahre, in denen Kaiser Haile Selassie nach zu langer Regierungszeit auf gesellschaftliche Veränderungen keine Antworten mehr hatte. Ein Offizier, der im Haus der Familie regelmäßig Bridge spielt, scheitert mit einem Putschversuch und wird gehängt. Dieses Ereignis übersteht die Familie noch halbwegs glimpflich, doch der geglückte Putsch von 1974 und die darauffolgende brutale Herrschaft von Major Mengistu haben weitreichende Folgen: Marion flieht nach Amerika. Dort trifft die Familie erst Jahre später wieder zusammen – inklusive des einst verschwundenen Vaters. Ein Happy-End wird das allerdings nicht.
Um Mitternacht hatte ich noch etwa einhundert Seiten vor mir, war aber so gebannt von der Geschichte der Zwillinge, dass ich mir noch einen Tee kochte und erst ins Bett ging, als ich zu Ende gelesen hatte. Ich erinnere mich nicht, aber ich bin sicher, dass ich in der folgenden Nacht von Afrika träumte.

Gebannte Grüße, Ihre Dorrit Bartel

P.S. Tipp für Unschlüssige: Mit der Danksagung beginnen. Allein die Erwähnung der Recherchen und Menschen, die bei der Entstehung des Buches geholfen haben, macht neugierig.

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