Dorrit liest: Biografie eines Generals – Die Stunde der Rebellen von Lieve Joris

Assani ist nicht der wirkliche Name des Generals, dessen Lebensgeschichte Lieve Joris in ihrem Buch „Die Stunde der Rebellen“ erzählt. Doch es gibt ein reales Vorbild für die Gestalt des Assani in diesem Buch und die Fakten sind alle gründlich recherchiert. Lieve Joris ist es – wieder einmal – zu verdanken, dass ein Stück afrikanischer Gegenwart in das Bewusstsein des europäischen Lesers rückt.

Assani wuchs im Osten des Kongo auf, in jenen Gebieten, vor denen Reisende schon seit Jahrzehnten gewarnt werden: Zu unübersichtlich und gefährlich ist die Lage dort. Denn die verschiedenen Stämme, die einst in ein Land zusammengefasst wurden, bekämpfen sich gegenseitig. Die Loyalitäten wechseln, und das Leben der Menschen hängt nicht nur von den Geschehnissen in der Hauptstadt Kinshasa ab, sondern auch von denen in den Nachbarländern Burundi und Ruanda. Rebellen kommen und gehen und verwüsten die Dörfer, nehmen den Menschen ihre Lebensgrundlage. Und so wird aus Assani, dem Studenten, der sein Volk beschützen möchte, ein Rebell. Gemeinsam mit dem späteren Präsidenten Laurent-Désiré Kabila kämpft er für den Sturz des langjährigen Despoten Mobutu. 1997 ist Kabila am Ziel, Mobutu ist gestürzt und er selbst wird Präsident.  Assani hat ihm geholfen, als Befehlshaber einer Armee von Kindersoldaten, mit Mord und Totschlag, überzeugt davon, all das für ein besseres Leben für sein Volk zu tun. Um sich selbst sorgt er sich da schon lange nicht mehr, er sehnt sich nach der Stille und dem Frieden, den er einst im Tod finden wird. Doch der sucht ihn so schnell nicht heim. Kabila wird vor ihm ermordet, und dessen Sohn Joseph übernimmt die Herrschaft. Joseph Kabila ist längst kein Verbündeter mehr, wieder einmal haben die Loyalitäten gewechselt, doch der neue Präsident ist auf die Unterstützung der verschiedenen Volksgruppen angewiesen und macht Assani zum General in seiner Armee. Sicherer wird sein Leben dadurch nicht.

Verstörend ist das Leben jenes Jungen, der einmal davon träumte, eine Familie zu gründen und ein Leben wie das seiner Vorfahren in den Hochebenen des östlichen Kongos zu führen. Doch in dieser Region gibt es keine Gewissheiten, keine Verlässlichkeit – bis heute bleibt dieses Gebiet umkämpft, und die Einheimischen wissen schon lange nicht mehr, wem sie vertrauen können. Jeder ist nur Spielball in den Interessen von Machthabern und jenen, die danach streben, es zu werden. Die Menschen, deren Leben von den Kämpfen zerstört werden, sind ihnen vollkommen egal. Und wie immer nach einer solchen Lektüre bin ich etwas dankbarer dafür, auf einem Kontinent zu leben, der diese Art von Kämpfen nicht kennt.

Ihre Dorrit Bartel

PS: Wir machen mit bei der „Lese-Challenge 2018: Reise durch die Genres“ von Gerngelesen.

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