Dorrit liest gerade: Paul Theroux – Dschungelliebe

Aus verschiedenen Gründen habe ich vor einiger Zeit darüber nachgedacht, nach Afrika auszuwandern und  immerhin schon mehrfach einige Wochen am Stück dort verbracht. Der Mann, der einen nicht unwesentlichen Anteil an den Auswanderplänen hatte, pflegte allerdings zu sagen, dass ich es gewiss nicht länger als zwei Wochen ertragen würde. Ich komme nicht umhin, ihm zuzustimmen und beschränke mich vorerst darauf, bei anderen nachzulesen, wie es Angehörigen unserer westlichen Kultur ergeht, wenn sie sich darauf einlassen.

Paul Theroux erzählt in „Dschungelliebe“ witzig über dieses Zusammentreffen westlicher Kultur mit der afrikanischen. Das Buch ist schon etwa dreißig Jahre alt, aber einiges von dem, was er dort erzählt, trifft heute noch zu. Seine Hauptfigur Calvin ist Versicherungsvertreter und versucht, im Auftrag einer amerikanischen Gesellschaft Lebensversicherungen zu verkaufen, mit – wie sich denken lässt – mäßigem Erfolg. Einmal fragt ihn ein Afrikaner mit großen Augen: „Aber sterben muss ich doch trotzdem?“

Die Verwandlung Calvins in einen Beinahe-Einheimischen findet später statt, er hat inzwischen eine Afrikanerin geheiratet, den Verkauf von Versicherungen wegen Erfolglosigkeit eingestellt und verbringt seine Tage mehr oder weniger wie die anderen Männer im Dorf, auf der Veranda vor seinem Haus dem Lauf der Tage zusehend. Einmal steht er ratlos dort und wird vom Wirt der nebenan liegenden Kneipe (was man im ländlichen Afrika halt so Kneipe nennt: eine Hütte, in der vor allem lauwarmes Flaschenbier über den Tresen geschoben wird) befragt, wieso er nicht in seinem Sessel sitze. Er zeigt nur auf das  von Ameisen bevölkerte Sitzmöbel. Der Kneipenwirt verschwindet und kommt kurz darauf mit Servietten zurück, in die er eifrig die Ameisen einsammelt. Eine Stunde später stellt Calvin fest, dass geröstete Ameisen durchaus eine leckere Abwechslung des Speiseplans darstellen. Nicht nur an dieser Stelle habe ich gekichert – hin und wieder habe ich sogar losprusten müssen, weil Theroux das Aufeinandertreffen der gegensätzlichen Welten wunderbar bildhaft beschreibt.

In Theroux’ Buch finden sich neben Calvin weitere westliche Gestalten, die ihren Anspruch auf Afrika geltend machen. Ein Führer, der eine Revolution anzuzetteln versucht. Als aber dem Führer die Lebensmittel ausgehen, interessieren sich die Einheimischen nicht mehr für die Revolution. Ein alter englischer Major wartet darauf, dass alle Länder vom Kap bis nach Kairo wieder an die Krone gehen, denn Afrika unter britischer Fuchtel sei der natürliche Zustand. Die Figuren sind  überzeichnet, aber ich habe einen Heidenspaß daran gehabt, sie in ihrem afrikanischen Leben zu begleiten. Und gleichzeitig die Afrikaner zu beobachten, die den verschiedenen westlichen Ideen gleichgültig gegenüberstehen und einfach überleben wollen – wie schon immer.

Wer braucht schon Revolutionen oder Lebensversicherungen, wenn wir am Ende doch alle sterben müssen?

Westliche Grüße
Ihre Dorrit Bartel

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