Dorrits Buchtipp: Dinaw Mengestu „Zum Wiedersehen der Sterne“

Sepha betreibt einen Lebensmittelladen in Washington. Sein kleines, abgewirtschaftetes Geschäft  liegt in einem heruntergekommenen Viertel, in dem hauptsächlich Schwarze wohnen. Er floh als junger Erwachsener in den siebziger Jahren aus Äthiopien, zu einer Zeit, als nach dem Sturz des Kaisers Haile Selassie reihenweise Menschen abgeholt wurden und nicht wiederkamen. Wie Sephas Vater.

Anfangs schwankte Sepha zwischen der Idee, an einer amerikanischen Universität zu studieren und der Hoffnung, bald wieder nach Hause zu gehen. Die Universität konnte er sich nicht leisten. Der Weg zurück war ihm verwehrt. Der Laden, in dem er lesend die kundenfreie Zeit verbringt, ist der mögliche Kompromiss. An guten Geschäftstagen ist Sepha mit Amerika versöhnt – „es ist ein wunderbares Land, es hat so viel zu bieten, der Sprit ist billig, hier lässt es sich gut leben. Es könnte schlimmer sein.“ An schlechten Tagen hasst er Amerika von ganzem Herzen. Einmal in der Woche trifft er sich mit zwei Freunden, ebenfalls afrikanischen Einwanderern. Sie vertreiben sich die Zeit unter anderem mit einem Spiel, in dem einer von ihnen den Namen eines afrikanischen Diktators nennt und die anderen dazu das Land und die Jahreszahl des mit dem Namen verbundenen Staatsstreiches erraten. Dazu schauen sie gemeinsam auf die Afrikakarte, als müssten sie sich der Existenz ihrer Heimatländer vergewissern. „Ich bin aus Zaire“, pflegte Joseph früher zu sagen. Neuerdings sagt er, er sei aus der Demokratischen Republik Kongo, aber womöglich würde das Land morgen schon Laurent Kabilas befreites Land heißen, so genau wisse er das nicht. Diese Szenen sind voll Galgenhumor, nicht nur einmal bleibt mir ein Lachen im Halse stecken.

Eines Tages taucht in dem „schwarzen“ Viertel Judith auf, eine Weiße. Sie lässt ein Haus renovieren, um dort mit ihrer Tochter Naomi zu leben. Deren offenkundig schwarzer Vater zieht jedoch nicht mit ein. Naomi und Sepha freunden sich an, nachmittags sitzt sie oft bei ihm im Laden, gemeinsam lesen sie Dostojewskis „Brüder Karamasow“. Sepha verliebt sich in Naomis Mutter. Doch wohin soll das führen: eine Geschichte zwischen der gutsituierten Weißen und dem schwarzen Ladenbesitzer, der von der Hand in den Mund lebt? Im Viertel wird Judith argwöhnisch beäugt. Zieht sie weitere Weiße hierher und werden sie die angestammten Bewohner vertreiben, die dort seit Jahrzehnten zwar nicht gut, aber immerhin überleben können? Mag sein, dass Judith und Sepha einander mögen, mag sein, dass sie einander etwas zu sagen haben, doch das zwischen ihnen ist eine unmögliche Geschichte. Jedenfalls in dieser Zeit und in diesem Land. Doch die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Dinaw Mengestu weiß, worüber er schreibt, er selbst wanderte mit seinen Eltern aus Äthiopien in die USA ein, als er ein Jahr alt war. Damit gehört er einer späteren Generation an als der, über die er schreibt. Vielleicht gelingt ihm deshalb der präzise und zugleich zärtliche Blick auf seine Figuren, mit dem die Lektüre zu einem berührenden Erlebnis wird. Da prallen völlig verschiedene und nebeneinander existierende Welten aufeinander, und die Beschränkungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten werden sichtbar. Beschränkungen, die exemplarisch stehen für ein globales Ungleichgewicht, in der für die einen immer mehr Möglichkeiten selbstverständlich sind, während diejenigen aus dem anderen Teil der Welt davon ausgeschlossen bleiben, selbst wenn sie es in die gelobten Länder schaffen. Immer wieder spüre ich, dass meine Geburt in dem Teil der Welt mit den Wahlmöglichkeiten ein Geschenk ist und frage mich, wie mein Leben ohne dieses Geschenk verlaufen wäre.
Am Ende der Lektüre dieses wunderbaren Buches fühle ich mich auf eigenartige Weise getröstet. Liebe kann Brücken zwischen den unterschiedlichen Teilen der Welt bauen, selbst wenn sie nicht von Dauer ist.

Getröstete Grüße.

Ihre Dorrit Bartel

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