Geralds schönstes Buchgeschenk oder Erich Kästner im Doppelpack

Es war nicht ein Buch, an das ich besonders bleibende Erinnerungen habe, es waren zwei: „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“. Zwei Klassiker, na klar. Acht Jahre alt war ich damals, und wir schrieben den Sommer 1963. Ich erinnere mich nicht nur an diese beiden großartigen Kinderbücher von Erich Kästner mit den unvergleichlichen Illustrationen des kongenialen Walter Trier. Nein, ich erinnere mich auch an den Anlass, so, als wäre es heute gewesen.

Mein Vater war Fernfahrer, worauf ich als Kind besonders stolz war. Damals gab es noch nicht diese unförmigen, einförmigen Container-LKW wie heute, sondern richtige Lastwagen mit Anhänger. Nahezu jede Woche war mein Vater mit einem solchen Monstrum zwischen Bayern und Norddeutschland unterwegs. Ein wahrer Kapitän der Landstraße mit Schirmmütze, Latzhose und schweren Schuhen.

Manchmal, in den großen Ferien, durfte ich ihn auf große Fahrt begleiten. Meist ging es von Augsburg nach Hamburg. Eine Strecke, die man vermutlich auch mit einem Lkw heute binnen eines Tages schafft, war damals ein Zwei- bis Drei-Tage-Trip. Die durchgehende A7 gab es noch nicht. Spannend, mir großes Herzklopfen verursachend, waren vor allem die Nachtfahrten. Unheimlich die Lichter und das Geholper, wenn ich in der Schlafkoje lag. Die war doppelstöckig, denn es gab zwei Mann Besatzung. Heiner hieß Vaters Beifahrer. Man erinnert sich an Dinge, das glaubt man gar nicht.

In Hamburg hatte mein Vater immer besonders viel zu tun. Die Ware musste von Zugmaschine und Anhänger abgeladen und neue Fracht für die Rückfahrt gepackt werden. Das konnte dauern, die Liste der wartenden LKW war lang. Deswegen übernachteten wir damals nicht im Fahrzeug, sondern in einem Autohof. „Fernkraft“ hieß der, lag im Stadtteil Hammerbrook, und laut Google gibt es den heute noch.

Was aber macht ein Vater mit einem Achtjährigen, während er sich stundenlang mit Auf- und Abladen und dem ganzen Papierkram drum herum beschäftigen muss? Meiner löste das Problem, indem er mir – erraten! – die beiden Bücher von Erich Kästner schenkte. „Emil und die Detektive“ war blau, „Das fliegende Klassenzimmer“ gelb. Walter Trier, wie gesagt. Dazu gab es, auch das weiß ich noch, eine große Tüte Haribo Konfekt. Und so lag ich dann in diesem Hotelzimmer auf dem Bauch im Bett und vergaß die Zeit um mich herum.

„Das fliegende Klassenzimmer“ – das Leben in einem kleinstädtischen Gymnasium mit all dem, was Jungs damals so erlebt haben. Viel Sentiment. Ja, ich gebe es zu: Es treibt mir auch heute noch Tränen in die Augen, wenn die Eltern des kleinen Martin am Weihnachtsabend vermeintlich auf ihren Sohn verzichten müssen, weil das Geld vorn und hinten nicht reicht. Nicht einmal für die Heimfahrt. Als der Junge dank seines Lieblingslehrers Justus dann doch vor der Tür steht – aber ich will nicht spoilern. Mag sein, dass manch einer dieses Buch tatsächlich noch nicht kennt …

Und dann der Gegensatz – das große, pulsierende Berlin gegen Ende der Weimarer Republik. Und die wilde Rasselbande auf der Jagd nach einem Dieb. Anscheinend immer noch aktuell, sonst hätte es nicht 2001 die jüngste von insgesamt acht Verfilmungen gegeben. Was auch stimmt: Ich habe nicht nur Kästners Bücher liebgewonnen, sondern auch die Verfilmungen. Speziell zwei: „Das fliegende Klassenzimmer“ mit Paul Dahlke, Paul Klinger und dem jungen Peter Kraus ist die eine. Zufällig entstand der Film in meinem Geburtsjahr, 1954. Die beiden späteren Adaptionen fallen aus meiner Sicht klar ab.

23 Jahre zuvor wurde „Emil und die Detektive“ erstmals verfilmt, unbestritten ein Meisterwerk der deutschen Filmgeschichte. Kein Geringerer als der große Billy Wilder schrieb zusammen mit Kästner das Drehbuch, und nur selten gab es einen fieseren Filmschurken als Fritz Rasp. Dazu Emil Tischbein, Pony Hütchen und Gustav mit der Hupe – wer nennt die Namen, kennt die Taten?

All das ist mir ein Leben lang Begleiter gewesen. Erst vor ein paar Jahren habe ich wieder einmal zum „Klassenzimmer“ gegriffen. Auch wenn mir Erich Kästners Stil heute ein bisschen antiquiert vorkommt, so hat er alles in allem für mich kaum etwas von seiner Anziehungskraft und Liebenswürdigkeit verloren. Wenn ich seine Bücher lese, höre ich seine eigene sonore, leicht sächselnde Stimme – schließlich spielt er sich im „Fliegenden Klassenzimmer“  selbst.

Erich Kästner ist bis heute einer meiner Helden, ich habe fast alles von ihm gelesen. Vermutlich wäre er es auch geworden, wenn mir mein Vater nicht in diesem tristen Autohof-Zimmer zwei seiner Bücher in die Hand gedrückt hätte. Aber so sind mir auch Zeit und Ort für immer im Gedächtnis geblieben. Und wenn ich mal wieder zur Lakritze greife, schmeckt sie nach Kindheit und Abenteuer, so wie diese beiden Jugendbuchklassiker.

Ihr Gerald Drews

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