Graves und die Tränen des Pharao (Kapitel 4)

 

Cover 1

Jo-Annas Wohnung befand sich im zweiten Stock. Graves schlich die Treppe hoch, sah sich mehrfach um, doch niemand folgte ihm. Wer auch, schließlich war er der Verfolgende. Vor Jo-Annas Wohnungstür blieb er stehen und lauschte. Das Wasser rauschte in den Abflussrohren, die im Flurschacht lagen. Oben hatte jemand sein Grammophon aufgezogen, „Yes, we have no bananas“ dudelte schräg vor sich hin, die Schellackplatte war wohl verzogen. Auch wenn er sein Ohr an die Tür drückte, konnte er nichts hören.

War Johnny bei Jo-Anna? Und wenn ja, wieso? Wieso jetzt? Die beiden mochten sich kennen – durch den Schmierlappen Jacob, der Johnny erpresste und Jo-Anna gevögelt hatte.

Jacob. Er war offensichtlich der Täter. Ein widerlicher Kerl ohne Gleichen. Er hatte Warrington umgebracht, die junge Lady Warrington zur Witwe und Erbin gemacht und würde sie nun ausquetschen wie eine Zitrone für einen Gin-Sour. Er hatte die Tränen des Pharao an sich genommen und … erpresste nun Johnny.

Stopp. Das machte keinen Sinn. Wenn er die Diamanten hatte, die Lady um den kleinen Finger … dann brauchte er niemanden mehr zu erpressen. Aber das tat er.

Hmm. Grave strich sich über den Kopf. Zu gerne hätte er einen Schluck Scotch genossen, aber der Flachmann war leer. Sollte er runtergehen? An der Ecke würde er … aber nein, es galt den Fall zu lösen.

Wenn es nicht Jacob war, dann war es Johnny. Es musste Johnny sein. Das hatte schon Lady Warrington vermutet. „Entlarven Sie Johnny als Täter und Sie sind ein gemachter Mann“, hatte sie zu ihm gesagt. Sie war sich sicher, dass der Sohn aus erster Ehe ihres nun toten Mannes der Täter war.

Wieso eigentlich? Johnny lebte in absolut bescheidenen Verhältnissen, ihm schien es nicht gut zu gehen. Neid und Habgier waren starke Motive für einen Mord. Rache auch. Lord Warrington schien seinen Sohn verstoßen zu haben. Würde Johnny erben? Ganz sicher. Johnny war der Täter. Ganz sicher war er der Täter. Er hatte seinen Vater ermordet und die Tränen des Pharao an sich genommen, würde sie nun zu Geld machen und wäre fein raus.

Moment. Warum war er dann Jacob gegenüber nicht selbstsicherer gewesen? Warum hatte er dem Schmierlappen der seine Stiefmutter bumste, nicht ins Gesicht gelacht? Warum war er aus seiner Wohnung geflohen, hatte sich verhalten wie ein Sträfling auf der Flucht? Das passte nicht. Zumal er ja mit dem Inspektor befreundet war. Nelson, der eigentlich kein schlechter Typ war, aber die Nase oft zu voll nahm.

Und überhaupt, was machte das Weichei nun bei Jo-Anna, seiner, Graves, Jo-Anna? Was machte er hier, zum Teufel?

Was hatte Jo-Anna mit dem Fall zu tun? Sie hatte von der Weiberschlacht mit der Gräfin erzählt und, dass jemand sie, Jo-Anna, ausgenockt hatte. Dafür sprach die Wunde an ihrem Kopf. Gott, das arme Kind. War niedergeschlagen worden. Schweinerei. Aber warum hatte sie gekündigt, selbstsicher wie nie zuvor und mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen. Nur wenige Tage war das her und nichts hatte daraufhin gedeutet, dass Schmierlappen Jacob sie wieder unter seine Fittiche genommen hatte. Nach zwei Jahren eine Art Besitzrecht einfordern? Das war dumm, dümmer, als Jo-Anna war. Das würde sie nie machen. Sie würde weder so überzeugend kündigen und gehen und nicht wieder, so wie sonst am nächsten Tag reumütig mit einer guten Flasche Scotch auf der Matte stehen, wenn sie nicht eine andere Option gehabt hätte. Aber welche?

Sie hatte ihn, das wurde Grave plötzlich schmerzlich klar, belogen. Getäuscht. Verarscht. Sie hatte ein Ass im Ärmel, von dem er nichts wusste und es war ganz sicher nicht Jacob. Denn hätte sie ihn wieder an der Angel, hätte sie sich nicht mit der so genannten angeheirateten Lady fetzen müssen. Nie und nimmer nicht. Da steckte etwas anderes dahinter. Hatte sie den Lord umgebracht und die Diamanten an sich genommen? War sie etwa die Täterin? Aber wie war sie ins Haus gekommen? Wie hatte sie den Tresor geöffnet?

Nein, den Tresor hatte der Lord höchstselbst geöffnet, da war sich Graves sicher. Hatte er Jo-Anna in das Haus gelassen … hatte er vielleicht sogar etwas mit ihr? Sie kannte ihn durch Jacob. Oh Gott, nein. Er konnte sie unmöglich der Justiz ausliefern, Inspektor Nelson als Täterin übergeben, das brachte er nicht übers Herz. Nie und nimmer nicht.

Nelson … der Inspektor der Polizei und bester Freund Johnnys – hatte er mit dem Fall etwas zu tun? Steckte er wohlmöglich gar mittendrin? Koksen konnte er, Bestechungen fanden immer eine offene Hand bei der Polizei. Er wäre als Inspektor ohne Probleme in das Haus gekommen. Und dann auch als Freund des Sohnes. Hatte der Lord ihm seine neueste Errungenschaft, die Tränen des Pharao gezeigt und war dann eins zum anderen gekommen? Er hatte die Diamanten an sich genommen, der Alte hatte protestiert und Nelson hatte ihn kaltblütig erschossen? Nein – der Lord saß an seinem Schreibtisch, dort war er überrascht und erschossen worden. Das passte auch nicht.

Graves seufzte auf. Wer war der Täter? Die Lösung lag wahrscheinlich hinter dieser Tür. In Jo-Annas Wohnung.

Oder vielleicht war doch der Russki der Täter? Mörder kehren gerne zum Ort ihres Verbrechens zurück, ergötzen sich am Anblick der Leiche und der Ermittlungstätigkeiten. Aber woher sollte Iwan Iwanowitsch gewusst haben, dass er, Graves, gerade die Leiche gefunden hatte? Hatte er vor dem Haus gestanden und gewartet? Seine Reaktion war zu überrascht gewesen, zu verblüfft und zu entsetzt, als er den offenen Tresor erblickte. Da war keine Genugtuung in seinem Blick gewesen, nur blankes Entsetzen, fast schon Furcht.

Sagte die Lady nicht, dass ein Fluch auf den Diamanten lasten sollte? Hatte der Iwan etwa tatsächlich Angst vor so einem Fluch? Die Lady, fiel Graves ein, hatte Angst. Sie hatte sogar noch mehr Zaster geboten, sollte er die Diamanten entfluchen. Als ob er wüsste, wie das gehen sollte. Darauf pissen? Sie in Scotch tauchen? Keine Schimmer.

Nein, der Iwan, der Russki, der war es sicher nicht.

Dann doch Jo-Anna, seine Jo-Anna?

Ihm blieb keine Wahl, er musste wissen, was in ihrem Apartment vor sich ging. Nun ja, er hatte es ihr besorgt und für den Fall der Fälle, der alle zwei bis fünf Wochen auftauchte und er sie nach Hause bringen musste, auch einen Schlüssel behalten. Langsam öffnete er die Tür, trat in den kleinen Flur. Es roch nach Bohnerwachs, Kohl und nach billigem Scotch. Graves leckte sich über sie Lippen. Aus dem Wohnzimmer, das gleichzeitig auch Schlafzimmer und Esszimmer war, drang die Stimme Johnnys und Jo-Annas Weinen.

Verdammt! Niemand bringt seine Maus zum Weinen! Er schob die Ärmel hoch, wollte, nashorngleich, den Raum stürmen, da erkannte er, dass Jo-Anna gar nicht weinte, sondern lachte.

Doppelt verdammt.

Geradeaus ging es in das Allzweckzimmer, aber rechts war die Küche mit Waschbecken, das Klo war eine halbe Treppe tiefer für acht Parteien. Aber in der Küche, da wusste er, dass Jo-Anna … und richtig, unter dem Waschbacken war die Flasche mit Bourbone. Kein Scotch, aber immerhin, besser als ein MacAllen. Wer will schon Fusel trinken. Inzwischen konnte er die Stimmen auch unterscheiden und nicht nur das, er konnte sie sogar verstehen.

Jo-Anna lachte. Sie lachte wirklich. Sie lacht. Unfassbar.

„Aber Johnny, wie kannst du nur so etwas von mir verlangen?“, hörte er sie sagen und plötzlich erkannte er den gezwungenen Ton in ihrem Lachen. Er kannte Jo-Anna wirklich gut und konnte die Nuancen in ihren Stimmlagen unterscheiden. Sie klang hysterisch, panisch, verängstigt. So ist das auch bei einem guten Scotch, dachte er, der schmeckt nach Nägeln, Eisen und im Abgang nach rauchigem Kamin. Grandios. Den Geschmack und Jo-Annas Stimmungen – das konnte er sofort erkennen. Wer trinkt schon einen MacAllen?

Graves schüttelte den Kopf. Es galt einen Mord zu lösen. Wer war noch einmal der Verdächtige? Alles drehte sich irgendwie. Er nahm noch einen Schluck und fokussierte seine Aufmerksamkeit auf die Stimmen, die von nebenan zu ihm herüber schollen.

„Johnny, ich kann dir wirklich nicht helfen.“ Jo-Anna flehte. Das erkannte er. Sie bat um ihr Leben.

„Josie“, sagte Johnny. „Stell dich nicht so an. Er muss es dir doch gesagt haben. Sie kriege ihn früher oder später und dann bekomme ich sie. Die Diamanten sind mein Erbe. Meins. Sie gehören mir. Er soll mir nur einen Teil des Erlöses geben und den Rest kann er behalten. Ich erbe schließlich. Damit habe ich ausgesorgt. Aber einen Teil und das Testament … das brauche ich sofort.“

Jo-Anna seufzte. „Das geht nicht.“

„Herrjeh!“, schrie nun Johnny. „Warum nicht? Warum? Die bringen mich um. Willst du das? Ich dachte, du liebst mich!“

„Lieben? Nein, Johnny. Ich liebe weder dich noch Jacob. Ich liebe David Sinclair. Aber er liebt mich nicht.“ Ihre Stimme verklang nachdenklich.

WAS? Graves konnte es nicht fassen. David Sinclair. Sie liebte David Sinclair?

„Es geht gar nicht um Geld oder ein Erbe, es geht um Ehre und Ansehen. Er ist ein bescheidener Mensch, mit den besten Manieren und dem besten Benehmen, auch wenn er nicht hochwohlgeboren ist. Alle reichen ihm den Mantel, aber das Wasser kann ihm keiner reichen“, seufzte Jo-Anna. „Ehre, das hat mein Großvater immer hochgehalten und auch diesmal. David Sinclair ist derjenige, der von diesem Tod profitieren wird. Mehr als du und Lady Warrington.“ Sie lachte auf. „Keiner hat bisher nach der Mordwaffe gefragt oder gesucht.“ Wieder lachte sie.

Stimmt, dachte Graves, die hat nämlich der Täter, mein Kind. Er biss sich auf die Lippen.

„Dabei ist es nur eine Tatwaffe und keine Mordwaffe. Und sie liegt immer noch da, wo er sie hat fallen lassen, der Täter, der auch der Mörder ist irgendwie, aber auch nicht. Mein Großvater hat nur die Diamanten genommen, die Warrington auf den Schreibtisch gelegt hatte, weil er auf den Russen wartete.“ Sie seufzte. „Ansonsten hat er den Tatort nicht verändert. David Sinclair wird erkennen, wie alles war und dann wirst du auch erben, lieber Johnny. Dann bekommst du dein Erbe.“

„Jo-Anna“, brüllte Warrington Junior, „bist du verrückt? Wer ist dieser Sinclair? Ich kenne keinen Sinclair. Und was hat er damit zu tun? Ich brauche die Diamanten, ich brauche sie sofort. Gib sie mir!“

„Nein.“ Und jetzt lachte Jo-Anna wirklich. „Die Diamanten hat meine Tante dem Täter an Herz gelegt. Sie war die Sauereien leid.“

„Deine Tante? Ich fasse es nicht. Was macht deine schäbige Tante damit?“, schrie Johnny.

„Schäbig?“ Jo-Anna lachte. „Nein, wir sind nicht schäbig, wir sind eher untertänig. Meine Tante will keine Tränen. Sie hat sie dem Täter gegeben. Dort sind sie ziemlich sicher, solange niemand weiß, wer er war. Aber David Sinclair wird es herausfinden.“

Ihr Großvater, ihre Tante? Plötzlich ging Graves ein Licht auf. Er lachte in sich hinein. So war das also. Jetzt wusste er auch, wer der Täter und wie alles abgelaufen war. Warrington war ein selbstgerechter Schnösel gewesen, immer schon. Bis zum Ende.

Und Johanna Anna Thelma Meridith Duncker kam ganz nach ihrer Familie – sie dienen, aber sie ducken sich nicht.

Graves wusste, wo er die Diamanten finden würde, er konnte den Fall an Nelson übergeben. Aber vorher sollte er sich sicher sein, dass seiner Jo-Anna nichts passierte und dass Johnny das Rätsel nicht auch gelöst hatte und die Tränen an sich nahm. Das machte ihm Sorge und er überprüfte seine Waffe. Doch er hatte die Rechnung ohne Jo-Anna gemacht.

„Magst du noch einen Schluck? Ich habe hier noch diesen Likör, den hat meine Tante deiner Stiefmutter entwendet“, sagte sie süffisant. „Trink, Johnny, trink!“

Bevor er sich dazu bringen konnte, mit gezogener Waffe den Raum zu stürmen und Jo-Anna zu retten, hörte er ein lautes Plumpsen, so als sei jemand vom Stuhl gekippt. Jo-Anna konnte es nicht gewesen sein, stellte er erleichtert fest, denn er hörte ihr leises Kichern.

„Und jetzt“, sagte sie sie. „muss David Sinclair nur noch diesen Fall lösen.“

Genau, dachte er und verließ die Wohnung. Sie hatte ihm alle Hinweise gegeben. Er würde die Spuren sichern und den Fall, der gar keiner war, an Nelson übergeben und den Ruhm ernten. Und danach würde er um Jo-Annas Hand anhalten.

Denn er, David Sinclair Graves, war ein Meisterdetektiv.

Das 4. Kapitel wurde von Ulrike Renk geschrieben.


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