Horst-Dieters furchtbarstes Buchgeschenk – oder Nichts für Jungs

Seit 1924 gibt es den Weltspartag, erfunden auf einem internationalen Sparkassenkongress. Dieser »Spar-Tag« bekam in meiner Jugend für kurze Zeit eine gewisse Bedeutung für mich. Da ich nur über ein sehr knapp bemessenes Taschengeld verfügte, leuchtete es mir nicht ein, von diesem »Bisschen« auch noch etwas auf ein Sparbuch zu tragen. Allerdings verfielen die Sparkassen in den Sechzigern plötzlich darauf, jedem Schüler, der am 31. Oktober etwas auf sein Sparbuch einzahlte, ein Buch zu schenken. Immerhin, so etwas konnte Leseratten locken, und so machte ich im Oktober immer etwas Geld locker, durch Bettelei bei Eltern und Tanten oder durch Arbeit. Letztere gab es für Zwölfjährige nicht überall, aber hier und da war schon mal was zu machen: Kegel aufstellen oder auf einem Bauernhof bei der Kartoffelernte helfen. Das erste Mal funktionierte das auch ganz gut. Ich bekam ein Piratenabenteuerbuch. An den Titel kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Im Jahr drauf, als ich mein Sparbuch samt der kurz zuvor verdienten fünf Mark über den Tresen schob, erhielt ich darauf ein rotes Buch, das ich begierig ergriff und anschaute. Doch was für ein Schock! Es war eindeutig ein Mädchenbuch. Ich gab das Buch zurück und bat um ein anderes. Aussuchen könne man nicht, sagte der Sparkassenangestellte. Es sei aber ein Mädchenbuch, beharrte ich, und ich hätte gerne eins für Jungs. Der Mann warf nicht mal einen Blick drauf und sagte: Kinderbuch ist Kinderbuch und umtauschen würde er es nicht. Ich erhielt mein Sparbuch mit der neuen Eintragung zurück und zog wie ein begossener Pudel mit beiden Büchern ab. Zu Hause flog das Mädchenbuch in die Ecke, lesen wollte ich es nicht. Später bekam es meine Cousine. Im Jahr drauf ging ich nicht mehr hin. Mit vierzehn las ich schon anderes und wollte mir unbesehen nichts mehr geben lassen. Mein Sparbuch gedieh ohnehin nicht, denn was ich im Oktober einzahlte, holte ich vor Weihnachten schon wieder ab. So lernte ich bereits früh, wie man von Banken für dumm verkauft wird.

Ihr Horst-Dieter Radke

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