„Ich bin ein Pelikan“

Hach … Unser neues Sonntagsthema ‚Schreibgeräte‘ hat meine Erinnerungen an die Füller-Diskussionen meiner Schulzeit wieder an die Oberfläche geholt. Bei uns, also in der zweiten Hälfte der 70er sowie in den 80ern, war es so: Man gehörte entweder der Pelikan- oder der Geha-Fraktion an. Das war eine Glaubensfrage und ungefähr so relevant wie die Tatsache, ob man katholisch oder evangelisch, Lateiner oder Franzose war. Und es hatte bei allen drei Entscheidungen weitreichende Konsequenzen hinsichtlich Gruppendynamik und Sozialisierung.

Während die Einteilung in Religions- oder Sprachgruppen u. a. eine unterrichtsorganistorische Bedeutung hatte, so spaltete die Frage, mit welcher der beiden Füllermarken man seine Hefte vollschrieb, die Klasse philosophisch. Und das nicht nur stundenweise. Wie konnte man sich ernsthaft als Pelikan-Nutzer neben einen Geha-Verwender setzen? Die waren nicht nur alle doof, sondern machten beim Schreiben auch so komische Geräusche. Außerdem empfahl es sich, in der Nähe von Gleichgesinnten zu sitzen, um den lückenlosen Transport von Ersatzpatronen durch die Tischreihen zu gewährleisten. (Die Tischhockeyduelle mit den Kügelchen aus den leeren Patronen als Puck und den Hülsen als Schlägern gewannen natürlich immer ‚wir‘, die blauen Pelikane. Ehrensache.)

Mein Welt- und Schriftbild geriet jedoch nachhaltig ins Wanken, als Klassenquereinsteigerin und ab dato ewige Sitznachbarin Marion den Lamy-Füller ins Spiel und in mein Leben brachte. So breit und weich hatte ich noch nie geschrieben – den musste ich auch haben! Zunächst standen noch die Erstanschaffungskosten und die zu erwartenden höheren Munitionspreise zwischen mir und wolkenweich geschriebenen Worten. Leider hielt ich meine Schulutensilien wunschgemäß ordentlich in Schuss, daher kam der Investitionsantrag beim häuslichen Finanzministerium nicht durch. Aber ich bin bis heute der Meinung, dass es das bestangelegte Taschengeld war, das ich jemals notfrei auf den Kopp gehauen habe.

Ich schrieb fortan samtweich, mit Schwung und – zumindest auf den ersten Seiten eines jeden Heftes – mit motivierter Schönschrift. Ergänzend besaß ich eine beachtliche Ansammlung von Bunt- und Zeichenstiften, denn als visueller Lern- und Arbeitstyp brauchte (und brauche) ich ausreichend Gestaltungsmaterial. Andere gehen Schuhe kaufen – ich liebe Schreibwarenläden.

Doch mein Fetisch geht nicht so weit, dass ich mehrere hundert Euro für meine Schreibgeräte ausgeben würde. Ich sehe Kugelschreiber oder Füllfederhalter immer noch als Mittel zum Zweck und nicht als luxuriöse Lifestyle-Produkte an. Es gibt tatsächlich Foren, da tauschen sich schreibende Sammler und sammelnde Schreiber darüber aus, was diese sündhaft teuren im Gegensatz zu den preiswerten ‚können‘. Na schreiben, hoffe ich doch. Ich bin per se nicht der ‚Jäger und Sammler‘-Typ, daher hält sich meine Kollektion in einem übersichtlichen Umfang. Die Exemplare, die mich jahrelang begleitet haben, habe ich aufgehoben. Irgendwo. Schließlich haben sie ausgedient. Irgendwie.

Wenn ich heutzutage noch zur Schule ginge, würde ich nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch tippen. Da könnten die Lehrer sich quer übers Pult legen, mit den Füßen strampeln oder Macarena tanzen – nein! Ich hätte mein Notebook dabei, mitten im Unterricht. Wenn gewünscht, samt transportablem Drucker. Außer To-Do-Listen, Einkaufszetteln und Glückwunschkarten verfasse ich eigentlich nichts mehr per Hand, denn:

a)      Ich schreibe eher lang als kurz und stundenlanges Tippen tut weniger weh als seitenweise mit der Hand zu schreiben. Das Notebook ist orthopädisch betrachtet für mich also das unbedenklichere Schreibgerät.

b)     Ich schreibe unleserlich. Selbst für mich. Spätestens nach zwei Stunden muss ich die Linien mit einem Stift nachfahren, um das motorische Gedächtnis anzupieksen und meinem Gehirn einen Anhaltspunkt zu geben, was zum Teufel das heißen soll, was da steht.

c)      Ich tippe schneller, als ich mit der Hand schreiben kann. Das passt der epischen Breite ganz gut in den Kram.

d)     Ich tippe, um zu denken. Frei nach dem Motto: „Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich gelesen habe, was ich schrieb?“

In diesem Sinne. Ich bin dann getz wech. Gedanken zu Papier – äh: auf die Bildschirmseite bringen. Wie gut, dass ich mir nicht mehr die Finger zwischen den Tasten einklemmen kann, wie auf der mechanischen Schreibmaschine, auf der ich mit dreizehn meinen ersten Krimi geschrieben habe. Beides übrigens verschütt. Schade eigentlich, findet

Ihre und eure Claudia Kociucki

Literaturfrühstück

 

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