Ich kann kein Porno

Als sie ihn das erste Mal sah, verliebte sie sich prompt und hoffnungslos.

Es ging dieser unbestimmte Reiz von ihm aus, etwas, aus dem nichts werden kann. Das erhöhte die Verlockung nur noch. Sie starrte ihn an und wurde sich dessen bewusst, wandte den Blick ab, konnte aber nicht lange widerstehen. Schon bald, das merkte sie unbewusst, wanderten ihre Augen wieder in seine Richtung.

Der Spätsommer drohte nochmals mit feuchtwarmem Wetter, obwohl sich alle schon längst von der Hitze verabschiedet hatten und die wärmeren Sachen in den Schränken nach vorne geräumt worden waren.

Die Menschen um sie herum entblätterten sich nach und nach, zogen eine Schicht Kleidung nach der anderen aus. Ihr ging es nicht anders. Obwohl sie nur noch ein T-Shirt trug, bildete der Schweiß eine fiebrig glänzende Schicht auf ihrer Stirn. Verstohlen wischte sie sich mit der  Handfläche über das Gesicht. Es gab nichts Peinlicheres, als zu schwitzen, einen nassen Haaransatz, klebrige Hände und Ränder unter den Armen. Sie drehte den Kopf zur Seite, senkte ihn und schnüffelte unauffällig. Gott sei Dank, kein stechender Geruch. Wieder schaute sie verstohlen zu ihm.

Er war nicht besonders groß, fast schon winzig. Trotzdem ging eine unwiderstehliche Anziehung von ihm aus. Seine dunkle Farbe unterstrich nur seine Ausstrahlung. Klein, aber so exotisch. Das Kribbeln in ihrem Bauch wanderte nach oben, verstärkte ihren Herzschlag.

Ihre Freundin, die ihr gegenüber saß, beobachtete sie amüsiert. Sie stellte ihr eine Frage, die sie nicht verstand, aber dennoch beantwortete, irgendwie. Sie hörte, wie ihre Stimme immer höher und dünner wurde, bis sie wie das schrille Sirren eines Moskitos klang, der Blut gerochen hatte. Ihr Lächeln war auf ihr Gesicht aufgeklebt und tapfer.

Die Freundin folgte ihrem Blick, fand ihn. Ihre Augen schnellten zurück, maßen den Grad des Schadens. Ein breites Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

„Na, der hat es dir wohl angetan?“ Es war keine Frage.

„Und?“ Sie antwortete und versuchte ihrer Stimme eine Art von Gewichtigkeit zu geben. „Dann erschieß mich doch!“ Mit dieser Bemerkung nahm sie ihrer Aussage alle Kraft, das wusste sie und sank in sich zusammen.

Ihre Freundin lachte.

„He, kauf ihn dir. Wenn er es für dich ist, dann kauf ihn doch.“

„Kaufen?“

„Na ja. Alles ist für Geld zu haben, er auch. Sicher, ganz bestimmt! Kauf ihn. Wenn du ihn haben willst, dann leg das Geld dafür auf den Tisch und nimm ihn! Nimm ihn dir doch!“

„Nein!“

Sie war sich nicht sicher, ob sie ihre Antwort genauso ernst meinte, wie sie sie ausgesprochen hatte.

„Ich meine, nein, das geht doch nicht. Ich kann ihn doch nicht einfach so kaufen. Das geht doch nicht. Ich will ihn nicht gekauft.“

„Was dann?“ Ihre Freundin lachte. „Was dann? Geschenkt? Du willst ihn geschenkt?“ Sie erhob sich halb, schielte zu ihm hinüber.

„Nein! Nein das würdest du nicht tun. Nein, bitte, lass es!“

Ihre Freundin blieb halberstarrt stehen, sah auf einen Punkt hinter ihr und nur mühsam brachte sie sich dazu, sich nicht umzudrehen und herauszufinden, was es dort so Interessantes gab.

„Was ist?“ Ihre Stimme verkam zu einem Flüstern. „Was ist dort? Ist er es? Ist er dort? Hinter mir? Hat ihn eine andere … Frau?“ Ihr Blick wurde augenblicklich erkennbar glasig.

„Nein. Nein.“ Ihre Freundin schüttelte entschieden den Kopf und ließ sich wieder auf ihren Sitz gleiten. „Ich dachte es… nur für einen Augenblick, aber nein, er ist es nicht.

Er ist immer noch dort drüben, ganz alleine. Es scheint mir, dass er nur auf dich wartet.“

Sie schüttelte den Kopf, so als könne sie damit die Worte ihrer Freundin ungeschehen machen. Dies hier hatte keinen Platz in ihrem Leben. Feste Regeln prägten für gewöhnlich ihren Tagesablauf. Dass sie mit ihrer Freundin an diesem Tag an den Strand gefahren und sich in dieses Café gesetzt hatte, erschien ihr fast schon unglaublich. Dass sie ihn entdeckt hatte, war eine weitere Steigerung, die sie verzweifelt zu ignorieren suchte. Aber der Gedanke an ihn nahm einen unbestreitbaren Wohnrechtsanspruch in ihrem Kopf ein. Sie konnte der Versuchung nicht widerstehen und ließ ihren Blick vorsichtig in seine Richtung wandern.

Er war immer noch da. Allein diese Tatsache ließ sie erschauern. Sie schaute die anderen Frauen an. Folgte ihren Blicken. Auch diese hatten ihn bemerkt. Jedes weibliche Wesen hatte das ein oder andere Mal die Augen begehrlich auf ihn gerichtet.

Die pure Versuchung.

Wie es sich wohl anfühlen würde, ihn anzufassen? Ihn auf ihrer Haut zu spüren? Kühl und samten oder eher rau und hart? Ihr Herz klopfte schmerzhaft gegen ihre Rippen. Sie könnte aufstehen, zu ihm hingehen, ihn berühren, ihn mit sich nehmen.

Und dann? Würde sich ihr Leben ein für alle Male ändern? Würde sich überhaupt etwas ändern? Alles? Nichts, das begriff sie mit aller Deutlichkeit, würde mehr so sein wie zuvor. Wenn sie sich überwinden würde, sich trauen, über ihren Schatten springen.

Es gab keinen Platz für ihn in ihrem Leben. Er gehörte hierher, hier an den Strand, in die Sonne, zwischen all diese gebräunten Menschen, die nach Sonnencreme rochen, unbeschwert gekühlte Getränke tranken und den lieben Gott einen guten Mann sein ließen.

Sie gehörte nicht hierher. Irgendein seltsames Element der Brownschen Molekularbewegung hatte sie an diesen Ort befördert, um sie mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit zu konfrontieren. Und hier war sie, spürte den Schweiß in heißen Strömen an ihrem Körper hinunterlaufen und kam sich lächerlich vor.

Der Gedanke an ihn saß wie ein Tumor in ihrem Kopf. Sie spürte, wie das dumpfe Gewicht der Schwerkraft sie zu Boden drückte, das Gewicht ihrer eigenen Gedanken.

Er wartete, flehte sie auf eine unheimlich vertraute Art an, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Die Vorstellung erfüllte sie mit einer schmerzlichen Sehnsucht. Er würde sich in den staubigen Winkeln ihres Lebens nicht wohl fühlen.

Sie umklammerte ihr Glas, als hätte sie Angst, es könne über sie herfallen und sie dazu bringen Dinge zu tun, die ihr wesensfremd waren, aber eine unbestreitbare Verlockung ausübten.

„Na?“ Ihre Freundin musterte sie freundlich. „Sollen wir nicht schwimmen gehen?“

„Schwimmen?“ Sie sprach das Wort aus, als wäre es aus einer fremden Sprache.

Ihre Freundin lachte, das Lachen hüpfte in ihrer Kehle.

„Ja, schwimmen. Dort hinten am Strand. Schau dir nur diese wahnsinnigen Wellen an.“

Schwimmen. Die Vorstellung bewirkte etwas in ihr. Schwimmen, ja. Wasser, kühles Meerwasser, das ihrer erhitzten Haut schmeicheln würde. Fast schon meinte sie den salzigen Geschmack auf ihren Lippen schmecken zu können.

Schwimmen, aber nicht alleine. Wie in Trance gefangen stand sie auf, setzte einen Fuß vor den anderen, angezogen von einem unsichtbaren Magnetismus. Sie näherte sich ihm und dann verwischte alles in einem fieberhaften Wirbel der Ereignisse.

Lachend lief sie auf die Brandung zu, spürte ihn an ihrer Haut, konnte immer noch nicht glauben, dass er sie auf diese Art und Weise schützte. Stunden, der Wirklichkeit entrückt, lagen vor ihr, die Luft flimmerte voller Sorglosigkeit. Klein, dunkel, verführerisch, exotisch. Absolut unpassend für sie. Trotzdem schmiegte er sich an sie, als hätte er schon immer dorthin gehört, als verbände sie ein langes Band gemeinsamer Erinnerungen.

Dabei war das Band alles andere als lang und dick. Es war eher ein Faden. Auch ihre Haut bedeckte er nur notdürftig.

Ein winziger Fetzen schwarzer Stoff. Ihr neuer Bikini.

Ihre Ulrike Renk

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