Im Schlendergang zu Lessings Grab

Ein Gastbeitrag von Jürgen Block

Sind Sie auch ein Fan von Wilhelm Raabe? Meine Frau Evi jedenfalls nicht. Obwohl, sie ging auf die Wilhelm-Raabe-Schule, die einzige höhere Schule unserer Stadt, die nicht zerbombt wurde, und machte dort ihr Abitur. Aber der Raabe-Samen fiel bei ihr auf keinen fruchtbaren Boden. Vielleicht lag das an den Lehrern, die damals noch aus dem Krieg kamen und immer wieder ihre Heldengeschichten zum Besten gaben, wie sie zum Beispiel als Hitlerjungen nur mit einer Handgranate bewaffnet auf einen amerikanischen Tank sprangen, die Luke öffneten und die Granate hineinwarfen. Gott. Kein Fan von Wilhelm Raabe zu sein, ist aber auch nicht schlimm, finde ich. Rudi, der Lebensgefährte von Kusine Henriette und ehemaliger BKA-Mann, ist zum Beispiel seit sechzig Jahren HSV-Fan nur wegen Uwe Seeler. Das lassen wir ja auch gelten, ohne es bis ins Letzte zu hinterfragen.

Wir machen gerade für ein paar Tage Stopp in Braunschweig, um besagte Henriette und Rudi zu besuchen und es uns gut gehen zu lassen. Wussten Sie schon, dass es in Braunschweig gleich fünf Marktplätze gibt? Wollmarkt, Altstadtmarkt, Kohlmarkt, Ägidienmarkt und noch einen. Daneben gibt es tausend Plätze: Bankplatz, Fritz-Bauer-Platz, Lessingplatz, Herzogin-Anna-Amalia-Platz, Schloss-Platz; ich könnte sie jetzt noch stundenlang weiter aufzählen. Aber ich wollte ja auf Wilhelm Raabe kommen.

Denn in Braunschweig gibt es auch ein Wilhelm-Raabe-Haus, und für mich stand von vornherein fest: Da muss ich hin. Wobei ich mit Raabes bekanntestem Werk, der „Sperlingsgasse“, eigentlich gar nichts anfangen kann, aber das bleibt unter uns. Nein, ich liebe das Raabesche Spätwerk. Da bin ich wie Rudi, der nur wegen Uwe Seeler seine Liebe auf einen ganzen Verein ausdehnt, obwohl er sonst nichts mit Hamburg zu tun hatte, mit Ausnahme vielleicht seines Personenschutzeinsatzes in Helmut Schmidts Partykeller, aber ich schweife ab. Ich bin ein Fan vom „Stopfkuchen“, so heißt der Uwe Seeler unter den Raabe-Romanen. Um ihn zu ehren, würde ich mich glatt auf dem „Platz der Deutschen Einheit“ mit Dosenbier betrinken und Leute mit schmutzigen Liedern anpöbeln, die Fans von, sagen wir mal: Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ sind.

Das Raabe-Haus. Langer Rede kurzer Sinn: Ich laufe durch die halbe Stadt und was muss ich feststellen, als ich vor der Tür des besagten Hauses stehe: Es ist dicht. Sommerpause, den ganzen Juli durch, schöne Scheiße.

Zuerst versuche ich mich noch zu trösten. Was hätte ich da auch schon groß zu sehen bekommen. Bestimmt nur die Erstausgaben und Übersetzungen der „Sperlingsgasse“. – Nein. Ich brauche was ganz Besonderes. Welche literarischen Stars hat Braunschweig noch zu bieten, lieber Stadtplan? Friedrich Gerstäcker. Okay, nicht der ganz große Bringer, fand ich zwar als Jugendlicher besser als Karl May, aber trotzdem. Ricarda Huch. Name schon mal gehört, aber ehrlich gesagt, bei mir klingelt nichts. (Tut mir Leid, Horst-Dieter.) Aber da, was bin ich doch für ein Trottel: Tätärätä! Gotthold Ephraim Lessing. Ringparabel und Grab auf dem St.-Magni-Friedhof. Das ist doch glatt ein Tor mit dem Hinterkopf!

So kommt es, dass ich an dem wechselhaften Julitag einen Friedhof besuche, was sonst nicht so meine Art ist. An der Pforte steht ein Schild, das erwartet, dass sich jeder Besucher der Würde des Ortes entsprechend verhält. Yes Sir! Nur wie soll ich auf keine fremde Grabstellen treten, wenn alles Rasen ist und kaum Grabstellen zu erkennen sind?

Am Eingang befindet sich gleich der gute Friedrich Gerstäcker, daneben seine Frau wie im Ehebett. Nicht unwitzig, seine Grabplatte ist leicht aufgeschrägt, als wäre sein Kopfteil zum Lesen hochgeklappt.

Lessings Grab muss ich erst noch suchen, es liegt etwas ab vom Schuss. Um ihn herum stehen schief und krumm die anderen Grabsteine, wie Gott sie erschaffen hat. Darunter auch so was Bedenkenswertes wie ein verrosteter Würfel auf unbehauenem Granit von, da muss ich raten und die Fingerspitzen zu Hilfe nehmen, 1864 oder 84. Frage: Wie ist der Eisenwürfel bloß am Stein befestigt?

Nur weiter. Dahinten ist ein total spaciger Ei-Stein, kann ich gar nicht richtig beschreiben. Am besten, Sie stellen sich so ein Godzilla-Ei wie in dem Film mit Jean Reno vor.

Gott, ich krieg mich kaum noch ein, was ist das denn für ein Grabstein, als wenn er von Urwaldpflanzen umschlungen wäre. Wenn man rangeht, sieht man, er wurde mit flüssigem Metall umgossen. Irre. Sie müssen mir glauben, an meinem Foto hätten Sie wenig Freude. Der Stein liegt im Gegenlicht, da kommt das Abgefahrene nicht richtig rüber.

Rechts daneben wacht der Ehemann der Übergossenen, ein gewisser H. Howaldt, 1891 verstorbener Erzgießer, der mit grün verwittertem Metallkopf auf mich herabblickt, so dass ich mich sofort wieder der Würde des Ortes entsprechend verhalte.

Dies sind alles verdienstvolle Herrschaften aus der ehrenwerten Stadt Braunschweig, das muss ich wirklich . Nur wieso muss der arme Lessing mutterseelenallein und ohne seine Ehefrau in der Ewigkeit ruhen, während den Gerstäckern und Howaldts die Mitnahme der besseren Hälften gestattet ist?

Okay, das Blog-Team unter dem Dirigat der humorvollen Joan wird mir bestimmt an dieser Stelle einen Kommentar an den Rand schreiben, so von wegen, dass die Leute damals Probleme hätten, die Leichen über größere Strecken zu transportieren etc. pp. Mein Vorschlag zur Güte: Schickt mich doch in den nächsten Ferien zum ehemaligen Garnisonsfriedhof nach Wolfenbüttel, wo ich den Gedenkstein von Lessings Frau Eva König fotografieren kann, der anstelle ihres verschollenen Grabes aufgestellt wurde. Ich verspreche auch, auf gutes Licht zu warten.

Wo war ich stehen geblieben?

Ich nähere mich Lessing mal unvoreingenommen und lasse die Dinge selbst zu mir sprechen.

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Zuerst die Bäume: Eiche, Linde, Kastanie, Ahorn, vor allem Ahörner, die sich wie Karnickel vermehren. Also in jeglicher Hinsicht ein fruchtbarer Ort.

Dann, endlich, ich bin an meinem Ziel angekommen.

Ein nach oben sich verjüngender Stein mit einer Art Muschel obendrauf, auf Augenhöhe Lessings Profil nach links blickend. Die schräge Grabplatte voller Kiesel, daneben ein Grablicht in katholischem Rot, und beides auf einem evangelischen Friedhof: Gelebte Toleranz der Weltreligionen! Auf der Steinumfassung zwei Reclamhefte: „Emilia Galotti“, total verwittert; „Nathan der Weise“, noch frisch in Kanariengelb. Daneben in Klarsichthülle ein Papierreferat mit verwischter Schrift; was ich noch entziffern kann: „Lessings… Wille… zu suchen“. Interessant. Das ist doch schon mal was. Zwei sputnikartige Buchsbüsche mit lustigen Antennen. Und dann noch die blühenden Begonien, rot wie das Grablicht oder die Fahne des Proletariats. Ach ja, kein Zaun drumherum wie bei den Gerstäckers. Was will uns der Friedhofsgärtner damit sagen?

Lieber Lessing. Eigentlich wollte ich zur Konkurrenz ins Raabe-Museum. Aber die Literatur hat heuer Sommerpause. Jetzt stehe ich vor dir, unvorbereitet und das Datenvolumen meines Handys ist auch schon aufgebraucht. Die Sonne zeigt sich wieder. Ich ziehe die Jacke aus. Ja, Evi, ich weiß, was du sagen willst: Nur bei Marlon Brando sehen weiße T-Shirts nicht prollmäßig aus. Aber lenk jetzt nicht vom Thema ab. Lieber Lessing, es gibt noch Menschen, die dir Referate schreiben und ab und zu deinen Buchs schneiden. So verkommen und bar jeder Erziehung kann unsere Nachwelt nicht sein. Man sagt, du warst auf der Suche. Das bin ich auch. Vielleicht suchst du deine Liebste, links da in diesem wild wuchernden Gebüsch oder in jenem außerirdischen Ei. Ich muss meine Liebste nicht suchen. Horst-Dieter, ein guter Freund von uns, fragte mich einmal, ob ich Evi verehre. Spontan sagte ich: „Verehren tu ich nur Lessing oder so.“ Aber jetzt vor deinem Angesicht frage ich mich, was das Wort „verehren“ wirklich bedeutet. Ob diese Gedanken jetzt ganz passend sind, weiß ich nicht. Eigentlich bin ich froh, dass wir so offen miteinander reden können, du tolerant gegenüber weißen T-Shirts bist und ich Mitleid mit deinem ewigen Los als Strohwitwer habe. Mein Foto hat noch Luft nach oben, na und? Hauptsache, ich habe mir ein klareres Bild von dir gemacht und dich unter Favoriten gespeichert. Dies nehme ich mit nach Hause: Hier vor dir will ich kein mönchischer Glasperlenspieler sein, sondern ein wackerer Stopfkuchen, der das Leben ahorn- und karnickelmäßig in sich hineinstopft. Tschuldigung, mein Handy klingelt. Meine Evi. Sie will sich bestimmt mit mir im Café verabreden. Wenn sie ruft, spurt man lieber. Kennst du vielleicht auch. Also bis die Tage und Tschüß.

Ihr/ Euer Jürgen Block

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