Ingrid liest gerade: Noah Hawley – Vor dem Fall

Wenn ich es im Moment schaffe, zum Vergnügen zu lesen, dann vor dem Einschlafen. So der Plan. Meistens fallen mir nach wenigen Seiten – bei eingeschaltetem E-Book-Reader – die Augen zu. Noah Hawley hat mich wachgehalten.

„Vor dem Fall“ ist gleichzeitig Krimi, Drama und Gesellschaftsroman. Den Rahmen bildet der Absturz eines Privatjets über dem Meer, den nur ein mittelloser Maler und ein vierjähriger Junge überleben. In einer riesigen Willensleistung rettet der Maler Scott Burroughs sich und den Jungen schwimmend an die Küste. Scott wird zum gefeierten Helden und, als die Unglücksursache im Dunklen bleibt, zum Verdächtigen, den die Medien mit perfiden Mitteln jagen. Warum das Flugzeug abgestürzt ist, klärt sich am Ende. Zumindest hatte ich eine Ahnung, wie es gewesen sein könnte. Wirklich fasziniert hat mich an dem Roman aber etwas anderes: die Charakterstudien.

Warum sind wir im Leben da, wo wir sind? Und was hat uns dahin geführt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Noah Hawley, der auch als Drehbuchautor und TV-Produzent bekannt ist. Nach und nach beschreibt er die Insassen des Privatjets, blättert deren Leben auf, zeigt entscheidende Erlebnisse, große und kleine Gefühle und deren Folgen: Macht, Geld, Intrigen, Korruption, Lügen, enttäuschte Liebe, Zurückweisung, Angst, Tod. Hawleys Psychogramme sind stimmig, eindrucksvoll und kurzweilig. Chapeau! Das muss Autor oder Autorin erst einmal hinkriegen, vor allem in Rückblenden.

Wie sich das Rätsel um den Flugzeugabsturz löst – der Krimiteil –, hat mich weniger interessiert. Einige Leser waren enttäuscht, las ich in Rezensionen. Für mich ist das Ende schlüssig. Und muss es denn wirklich immer die spektakulärste Variante sein?

„Ein raffinierter Krimi und zugleich kluger Gesellschaftsroman.“ So steht’s auf der Webseite des Verlags. Stimmt.

Ihre Ingrid Haag

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