Joan liest: Amor Towles – Ein Gentleman in Moskau

Ich habe Amor Towles’ „Ein Gentleman in Moskau“ gekauft, weil mir meine Buchhändlerin dazu riet – ich vertraue ihr blind, seit sie mir bei meinem ersten Besuch Joan Wengs „Das Café unter den Linden“ reichte und meinte: „Das ist entzückend. Sie werden begeistert sein.“ Wer meinen Buchgeschmack auf den ersten Blick so perfekt einschätzt, der versteht etwas von seinem Beruf. Aber ehrlich gesagt, richtig überzeugt war ich diesmal nicht – russische Revolution, Stalin und das Ganze aus Sicht eines in einem Hotel inhaftierten Adligen. Dazu noch Liebe und ein kleines Mädchen, für das der Graf zu sorgen hat. Ich gestehe, ich hab’s nicht so mit Stalin, und den besten Hotelroman hat bekanntlich eh Vicki Baum geschrieben – sogar zweimal … Aber man muss auch vertrauen können, also kaufte ich den Roman und dachte mir insgeheim, wenn er mir nicht gefiele, dann könnte ich ihn immer noch jemandem zu Weihnachten schenken, vermutlich jemandem, den ich nicht besonders mag.

Und nun, wie soll ich sagen, werde ich den Roman tatsächlich zu Weihnachten verschenken, und zwar an alle, die ich für literarisch nicht ganz verloren halte. Er ist bezaubernd, komisch, voller Bonmots, die Wilde nicht besser hätte schreiben können, dabei tragisch, tieftraurig und schlicht zum Heulen schön. Ein Buch, für das man Zeit braucht und sich nimmt, wenn man sie nicht hat. Für mich – neben Rehns „Das Haus der schönen Dinge“ – das beste Buch des Jahres, zumindest vorläufig, denn Amor Towles Debüt „Eine Frage der Höflichkeit“ liegt noch ungelesen auf meinem Schreibtisch.

Ihre Joan Weng

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