Joan liest gerade: Karine Lambert – Und jetzt lass uns tanzen

Karine Lamberts Roman „Und jetzt lass uns tanzen“ stellt mich vor ein echtes Problem – ich finde ihn mindestens so großartig, wie ich ihn platt und kitschig finde. Die erste Hälfte dieser Liebesgeschichte zwischen zwei verwitweten Rentnern hat es geschafft, mich vollkommen zu verzaubern. Die Sprache, die Beobachtungsgabe und die schlichte Tragik, vor der wir alle immer wieder stehen: Geliebte Menschen sterben. Egal ob plötzlich oder langsam, erwartet oder unerwartet: Vorbereiten können wir uns am Ende nicht darauf. Einer bleibt immer zurück, allein.

Die erste Hälfte des Buches hat mich wirklich sehr beeindruckt, mich sicher auch zum Nachdenken gebracht, und wäre der Roman nach der Hälfte vorbei gewesen, ich hätte ihn jedem empfohlen – ein herrliches Buch über die Liebe, über den Tod, den Abschied und vielleicht auch den Mut, noch einmal zu lieben. Doch bedauerlicherweise ist das Buch nicht nach der Hälfte vorbei, leider belässt es die Autorin nicht beim zarten Andeuten einer möglichen neuen Liebe. Nein, sie führt diese Romanze aus, der Schmalz trieft nur so aus den Seiten.

Bei so viel wortreich besungenem Liebesglück steht die Autorin natürlich vor dem Problem, das jeder Schriftsteller kennt: Wenn die Liebenden sich haben und trotzdem noch Seiten gefüllt werden müssen, müssen die Probleme eben von außen kommen. Lambert greift auf einen wohlmeinenden, aber engherzigen Sohn zurück, der sein endlich die Freiheit und Liebe kostendes Mütterlein ins Pflegeheim stecken will, und der Roman rutscht haltlos ins Triviale. Es ist kaum auszuhalten – die Figurenzeichnung, die in der ersten Hälfte nur angedeutet wurde und vieles in einem die Leserfantasie anregenden Dunkel ließ, wird nun platt, schwarz-weiß. Da nützt es auch nichts, dass Lambert in regelmäßigen Abständen wiederholt, dass auch der garstige Sohn ja nur das Beste möchte. Zum Schluss gibt es noch ein Happy End, das Courths-Mahler nicht besser hinbekommen hätte, garniert mit dem Hinweis, dass wir alle eines Tages sterben müssen und Lebenszeit kostbar ist. Das war dann der Punkt, an dem ich mich fragte, ob ich meine eigene Lebenszeit mit der Lektüre dieses Romans nicht gerade verschwendet hatte …

Ihre Joan Weng

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