Krimihelden: Ich lese keine Krimis … es sei denn …

Krimis lese ich nicht. Es macht mir keinen Spaß, die Überlegungen des Kommissars nachzuvollziehen, mitzurätseln, den Mörder, den Dieb oder den Was-auch-immer zu jagen und mich zu freuen, wenn ich behaupten kann, dass ich den Übeltäter früher identifiziert habe als der Ermittler. Es sei denn, der Ermittler heißt Kristof Kryszinski. Dieser sture, gutherzige, herrlich abgekochte Privatschnüffler mit Verbindungen in die Halbwelt wird von Jörg Juretzka in einer ganzen Reihe von Romanen in die verschiedensten Abenteuer geschickt. Am besten in Erinnerung geblieben ist mir der Roman „Rotzig & Rotzig“. Kristof Kryszinski schlüpft in die Rolle eines Hausmeisters, um eine Serie von Einbrüchen aufzuklären. Natürlich kommt am Ende alles ganz anders und vor allem viel schlimmer. Kryszinski kommt einem internationalen Verbrecherring auf die Spur und muss über sich hinauswachsen, damit sich doch noch alles zum Guten wendet. Der eigentliche Spaß steckt jedoch woanders. In den zynischen Kommentaren, mit denen er seine Mitmenschen bedenkt, die herrliche Abgebrühtheit, mit der er die versiffte Wohnung seines alkoholsüchtigen Vorgängers ausräumt, der ihm gleichzeitig leid tut, und die genaue Beobachtungsgabe, mit der Kryszinski trotz aller Verlottertheit seine Fälle löst. Denn hinter seiner abgeranzten Fassade verbirgt sich eine große Portion Liebenswürdigkeit und eine noch größere Portion Ausdauer im Kampf gegen das Böse dieser Welt. Dafür muss man Kryszinski einfach lieben.

Ausnahme Nummer zwei ist der fließend hesselnde Deutschtürke Kemal Kayankaya. Freunde hat er keine, sein Sozialleben beschränkt sich auf den Kontakt zu einem Weltkriegsveteran und anderen Saufkumpanen. Er sagt Dinge wie „Wie wär’s mit ’ner Stunde unter Männern, im Beisein einer Flasche Feuerwasser?“* Ich habe Freunde und ich sage so etwas nicht, trotzdem finde ich mich darin wieder. Einer der Gründe dafür, dass ich Kayankaya mag. Böse Zungen behaupten, dass Jakob Arjouni mit dieser Figur lediglich amerikanische Vorbilder nachgeahmt habe. Aber diese bösen Zungen sind mir ungefähr so egal, wie Kayankaya die Brandflecken im Teppich. Es stimmt, diese Figur erfüllt viele Stereoptype, sie ist entweder besoffen oder verkatert, ständig pleite und kurz vor dem Rauswurf aus den eigenen vier Wänden, die ein versifftes, nach abgestandenem Zigarettenqualm und hundert Jahre altem Schimmel stinkendes Drecksloch sind. Kayankaya ist wie Kryszinski abgrundtief zynisch und er hat diesen besonderen Blick auf die Gesellschaft, die nur Außenseiter haben. Aufgewachsen in einer deutschen Pflegefamilie im wunderschönen Hessen, ohne Verbindung zu seiner Herkunftskultur und ohne türkische Sprachkenntnisse ist er dennoch ständig mit Vorurteilen konfrontiert – der Name Kayankaya klingt einfach so überhaupt nicht deutsch und weckt in seinen biederen Landsleuten die entsprechenden Ressentiments, die der Türke stets angemessen und oft bitterböse zu parieren weiß. Also falls Sie Lust auf ein paar lockere Sprüche haben, auf Witze, die unter die Gürtellinie zielen, auf einen Türken, der gerne für dumm gehalten wird, dann werden Sie an Kemal Kayankaya vermutlich Ihre Freude haben. Ich jedenfalls habe sie. Aber Krimis lese ich trotzdem nicht.

Ihr Christoph Junghölter

*aus: „Happy birthday, Türke“

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