Kristin furchtbarstes Buchgeschenk – oder weißt du eigentlich, wie kitschig das ist?

1995

Ich schlug das Geschenkpapier auf und starrte auf den Inhalt. „Darfst Du erst heute Abend öffnen“, hatte ER mir zugeflüstert, bevor wir uns mit einem Kuss verabschiedeten, um den Heiligen Abend mit unseren jeweiligen Herkunftsfamilien zu verbringen. Wir waren jung, wir waren schwebend-gasförmig verliebt und vielleicht im Begriff, zu „etwas Festem“ zu werden. War da Schneegestöber um uns? Zarte Flocken, die im Licht der Straßenlaterne tanzten, und eine davon schmolz auf seiner Wange, während er dem Bus und mir hinterherwinkte? Bestimmt war es so.

„Ist was?“, fragte meine Mutter, um dann wieder ratlos die bulgarische Tischdecke zu betrachten, die Tante Dagmar aus Zwickau geschickt hatte.

„Alles gut“, murmelte ich. Ich schlug das schmale Büchlein auf. ER hatte – wie lieb! – sogar eine Widmung hineingeschrieben.

Ich wollte nicht darüber sprechen.

Ein Jahr zuvor in der Buchhandlung, in der ich damals arbeitete. „Wenn ein Mann mir jemals dieses Buch schenkt, dann ist es aus“, sagte ich zu meiner Kollegin und platzierte den kleinen Stapel auf den Tisch mit den Geschenkbüchern. „Ganz aus ist es dann, und zwar sofort. Bitte erinnere mich, wenn es so weit ist.“ Wir kicherten.

Und jetzt? Ich starrte auf das schmale Büchlein in meiner Hand. Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe? handelt von zwei Hasen, einem kleinen und einem großen. Die beiden wetteifern miteinander, wer von den beiden den anderen wohl lieber habe. „Ich hab dich bis zum Mond und zurück lieb“, sagt der eine Hase. Ich weiß gar nicht mehr, wie es ausgeht, und möchte es auch nicht wissen, aber ich glaube, das Prinzip ist, dass, egal was der eine Hase sagt, der andere Hase ihn immer mindestens doppelt so lieb hat. Das Buch ist ursprünglich für Drei- bis Vierjährige gedacht und für diesen Zweck, das möchte ich betonen, völlig in Ordnung. Wenn Erwachsene es einander schenken (und das tun sie landauf und landab), ist es furchtbar. Es ist furchtbar! Es ist … mir fällt gerade kein anderes passendes Adjektiv ein. Vielleicht ein Vergleich: Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich habe ist ein bisschen wie Der kleine Prinz – nur viel, viel schlimmer.

Aus IHM und mir wurde nichts Festes. Und nein, es war nicht sofort aus: Wenn aus gasförmig nicht fest, sondern flüssig im Sinne von „den Bach runter“ wird, unterscheidet man ja zwischen Gründen, Anlässen und vielen bunten Mosaiksteinchen.

2016

Egal, was mein Mann mir sonst schenkt: Ohne Meisenknödel ist für ihn der weihnachtliche Gabentisch nicht komplett. Fragen Sie nicht. „Weißt du eigentlich, wie doof ich dich finde?“, sage ich, als ich den diesjährigen Knödel von seiner festlichen Verpackung befreie.

„Das ist eine Ich-Botschaft, oder?“, sagt er eifrig und überlegt. „Bis zum Mond und zurück?“

Gott, er versteht mich. Ich hab ihn lieb.

Einen schönen Nikolaustag wünscht Ihnen

Ihre Kristin Lange

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