Kristin liest gerade: Andreas Altmann – Gebrauchsanweisung für das Leben

Sitzt einer in einer Talkshow und stellt sein neues Buch vor. Sieht aus wie ein Strolch, jagt mir mit dem unsäglichen Titel „Gebrauchsanweisung für das Leben“ einen Riesenschrecken ein und beginnt zu erzählen. Von seiner Arbeit als Reisejournalist und seiner Kindheit unter der Fuchtel des Altnazi-Vaters, eines prügelnden katholischen Devotionalienhändlers. Altmann, Altmann, grübele ich und: Ist das nicht der, dessen Buch „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ ich mal – und zwar sehr gerne – gelesen habe? Stimmt, das ist er. Gerade erzählt er, dass er als Jugendlicher seinen Vater nur deshalb nicht umgebracht hat, weil rein rechnerisch drei Jahre bis zur Volljährigkeit gegen fünf bis zehn Jahre Bau standen. Und plötzlich habe ich Lust, mir von diesem Strolch, von diesem Menschen was über das Leben erzählen zu lassen. Weniger wegen dem, was er erlebt hat, sondern mehr, weil er das, was er erlebt hat, nie eingesehen hat und entflohen ist. Nicht heil, natürlich nicht, dafür aber mit einem bestens funktionierenden Verstand und  ebensolchen Herzen. Kurz gesagt: Der Mann hat einen Knall, und er hat ihn gehört.

Am nächsten Tag gehe ich los und kaufe mir das Buch. Und bekomme Gänsehaut beim Lesen – und zwar von der schlimmen und der schönen Sorte zu gleichen Teilen. Denn zum Glück ist die „Gebrauchsanweisung für das Leben“ nichts weniger als eine Gebrauchsanweisung fürs Leben. Das Buch erzählt von Menschen im Allgemeinen, von einigen dieser Menschen im Besonderen und vom Exemplar Altmann im Speziellen. Es erzählt von Liebe, Freundschaft, Eros und von Gott, den es nicht gibt; von der Einsamkeit, dem Tod und dem ganzen Rest. Altmann ist ein Schwärmer und Flucher, der, statt es beim Schwärmen und Fluchen zu belassen, lieber dahin fährt, wo es wehtut. In die Kriegs- und Hungergebiete der Welt; an die Orte, wo Menschen getötet, gequält, genitalverstümmelt oder von Minen zerfetzt werden. Einer, der hinschaut, wo andere wegschauen, der sich dem Leben hinschenkt und sich von ihm abwechselnd mit einem Tritt in den Himmel befördern und mit der Schnauze voran in den Dreck drücken lässt.

Ihre Kristin Lange

Andreas Altmann, „Gebrauchsanweisung für das Leben“, Piper Verlag, 240 Seiten,

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