Kristin liest: Mariana Leky – Was man von hier aus sehen kann

Dass in den nächsten vierundzwanzig Stunden jemand sterben muss, wenn die alte Selma von einem Okapi träumt, weiß in dem von Mariana Leky erfundenen Dorf im Westerwald jeder Bewohner vom Greis bis zum Kleinkind.

Wer wird es diesmal sein? Leky erzählt es, indem sie es nicht oder kaum erzählt. Mit einem kurzen Satz nur, der sich öffnet wie eine Tür – und dahinter ist nichts mehr. Ein bisschen so, wie nach dem Tod eines Menschen mit einem Schlag nichts mehr ist, wo vorher der Mensch war.

Wer nicht stirbt, lebt weiter. Hofft weiter, träumt weiter, hütet weiter seine Geheimnisse, vom schäbigsten bis zum erhabensten, pflegt weiter seine Marotten von Aberglauben bis Trunksucht oder macht mit seinem Gemecker allen anderen weiter den Tag sauer – jeder nach seiner Façon. Im Buch, im Dorf, in meinem Kopf tummelt sich ein liebevollst zusammengestelltes Personal, in dem auch merkwürdig vertraute Typen nicht fehlen dürfen, wie etwa die personifizierte Verstockung oder der Aufhocker. Kennen Sie nicht? Doch, kennen Sie. Die Verstockung, das ist die, die neben Ihnen sitzt, wenn Sie das erste Mal mit jemandem telefonieren (oder es versuchen), in den Sie sich verliebt haben. Der Aufhocker ähnelt formal einer fiesen Verspannung, aber im Gegensatz zu ihr spricht er zu Ihnen. Am liebsten sagt er Sätze wie „Versuch es gar nicht erst, du wirst scheitern!“ oder „Sag ihr bloß nicht, dass du sie liebst, sie wird dich auslachen!“.

Ich muss einfach weiterlesen, obwohl ich genau weiß, dass ich traurig sein werde, wenn das Buch zu Ende ist und ich mich von dem westerwäldischen Dorf und seinen Bewohnern verabschieden muss. Ich muss unbedingt erfahren, ob Selmas Enkelin Luise ihren buddhistischen Mönch am Ende kriegt. Oder ob der Optiker des Dorfes Selma seine jahrzehntelange heimliche Liebe irgendwann gesteht. Und ich ahne, dass, wenn er es tut, es eine der schönsten Liebeserklärungen sein wird, die ich je gelesen habe. Ich will nicht spoilern. Ist nur so ein Gefühl.

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann, Dumont Verlag 2017, 320 Seiten

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