Kristins Auszeit: Zwischen Moorhühnern und Sumpfgespenstern

Im letzten April wollte ich mir einmal richtig Zeit für ein Schreibprojekt nehmen, und so mietete ich für eine Woche ein Ferienhaus im Bremischen, mitten im Moor und ganz für mich allein. Ich arbeitete von morgens bis abends an meinem Projekt, und wenn ich nachmittags für eine Stunde aus meinem Bau kroch und einen Spaziergang unternahm, dann nur, um auf meine freundlichen Wirtsleute nicht zu wunderlich zu wirken.

Ablenkungsgefahr bestand kaum. Zwischen Bremerhaven und Osnabrück gibt es keine Städte, jedenfalls keine, die auf irgendeiner irdischen Landkarte verzeichnet wären. Die nächste Shoppingmöglichkeit im Radius von fünfzehn Kilometern  war außer einer Landschlachterei und einem Futtermittelgeschäft die Zweigstelle eines in hohem Maße unerotischen Discount-Supermarktes. Ich widerstand ihm – ebenso wie der Melody-Bar, die im nächsten Ort mit ihren Zerstreuungen lockte.

Ich habe mich im Teufelsmoor sehr wohl gefühlt. Wo sonst kann ich an einem sonnigen Sonntagmorgen, vom Laptop hoch und aus dem Küchenfenster blickend, stundenlang meinem Vermieter zusehen, wie er ein kleines Modellsegelboot zu Wasser lässt und damit seelenruhig und selbstvergessen über einen Tümpel von der Größe eines ausgebreiteten Fallschirms schippert? Wo sonst beweisen mir die Mutigsten einer Schar freilaufender Hühner ihr wachsendes Vertrauen, indem sie von ihrem geliebten Strandkorb auf das Dach meines Autos umziehen, um sich genüsslich die Bäuche zu wärmen? Und wo sonst herrscht nachts absolute Finsternis, bis auf einen grandiosen Sternenhimmel und, ein einziges Mal, die Scheinwerfer eines auf den endlosen Wirtschaftswegen dahinziehenden Autos? Falls es sich wirklich um ein Auto handelte und nicht um ein Irrlicht. Wenn ich aus meiner Ferienwohnung im ersten Stock trat, stand ich direkt auf einem Dachboden, der aussah wie die Kulisse eines Haunted-House-Films. Ich habe meiner Schwester per WhatsApp ein Foto von diesem Speicher geschickt, und sie schwört, dass zwischen einem Biedermeierschränkchen und einem Spinnrad ein Skelett aus einem Spiegel lugte. Ich kann diese Behauptung weder bestätigen noch dementieren. Ich weiß nur, dass dank meiner leicht schokolade- und bierlastigen Proviantkiste nicht ich das Skelett im Spiegel

Wer da nicht in einen gesunden Schlaf käme! Meine Woche im Teufelsmoor war ein herrliches Reset, das ich jedem Menschen wärmstens empfehlen kann, dem die Vorstellung kein Graus ist, eine Woche lang nur von Natur- und Eigengeräuschen umgeben zu sein.

Ihre Kristin Lange

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