Lieblingsbücher: Werner Lindemann – Mike Oldfield im Schaukelstuhl

Die frühen Achtziger, eine Dorfgemeinschaft in Mecklenburg. Ein ungemütlicher Winter, ein nasser und zögernder Frühling. Ein Vater (Autor und Erzähler in Personalunion): Landwirt, Dichter und Sozialist der ersten Stunde, seinen Idealen verpflichtet und an sie glaubend. Sein Sohn, neunzehnjährig, im Buch heißt er Timm. Er hat eben seine Tischlerlehre beendet und zieht für einige Monate zum Vater ins Bauernhaus. Der fragt sich, was sich alle Väter fragen, wenn der Sohn ziellos dahindümpelt: Was soll aus einem Jungen werden, der sich von Egoismen und Trägheit leiten lässt, statt seine Begabungen zu bündeln und seinen Weg zu suchen? Der, statt mit fleißigen Händen und fröhlichem Herzen dem Gemeinwohl zu dienen, viel lieber feiert, ausschläft, Westmusik hört und seine Freundin zur Aufgabe des Studiums verleitet? Und der, als er befürchten muss, beim Dorfbums im Nachbarort ein anderes Mädchen geschwängert zu haben, nicht in der Lage scheint, sich der Sache verantwortungsbewusst zu stellen?

Verschiedene Lesarten sind möglich. Ich habe das Buch hauptsächlich als persönliche Vater-Sohn-Geschichte gelesen, und zwar als eine, in der mir zwischen Konflikten und Reibereien bis hin zur Tätlichkeit in jeder Zeile unbedingte und gegenseitige Zuneigung entgegenspringt. Zumindest blieb ich stark zuversichtlich, was die künftige Beziehung zwischen Erzeuger und Sprössling angeht – auch, als schließlich der Sohn nach einem möglicherweise fiktiven und vom Autor nicht zufällig gewählten Zeitraum von neun Monaten ohne Vorwarnung aus- und weiterzieht. Und nicht nur einmal hatte ich das Gefühl, dem sich sorgenden Vater zurufen zu wollen, dass er, wenn schon nicht seinem Sohn, so doch den Werten seiner Erziehung vertrauen möge.

Wer politischer unterwegs ist, mag das Buch auch als Parabel lesen: Hier eine Vätergeneration, die ihre Ideale im volkseigenen Ackerschlamm des real defizitären Sozialismus versinken sieht, dort die nächste Generation, die diese Ideale nicht als erkämpft erlebt, sondern als gegeben und ergo aufgezwungen, die dagegen aufbegehrt und (aus Vatersicht) der Hure Kapitalismus zu verfallen droht.

Der Tonfall ist schnörkellos, poetisch bei Naturbetrachtungen und altväterlich in des Wortes reinstem Sinn. Beim Lesen des Genörgels unserer auf die eine oder andere Weise kriegsgebeutelten Väter und Mütter wittere ich eine anheimelnde Stallnote und spüre, wie meine Gehirnzellen in vertraute Schwingungen geraten. Da ist er: dieser nagende Nölton, dessen Un-Zeitgemäßheit einen aufwachsenden Menschen immer schon zur Weißglut bringen konnte, und zwar unabhängig davon, ob man das Aufwachsen wie ich im Westen oder wie meine Cousins im Osten betrieb. Aus der sicheren Distanz von dreieinhalb Jahrzehnten wird mir das enervierende Gnagnagna von damals zu einer Art sanftem Hintergrundrauschen, bei dem sich die Nackenhaare zwar immer noch aufstellen. Doch jetzt hat der Schauder etwas Nostalgisch-Fernes, beinahe Zärtliches. Bewundernswert übrigens im Buch die Dickfelligkeit des Sohnes dem Vater gegenüber, ein meist ironisch-gelassenes „Mach-du-deins, und Ich-mach-meins“, von dem ich seinerzeit gerne eine Scheibe abgehabt hätte.

Am vergnüglichsten aber fand ich es, Mike Oldfield im Schaukelstuhl als biografisches Fragment zu lesen. Denn im Gegensatz zum Vater und zum Leser der Achtzigerjahre weiß ich und darf mich daran erfreuen, dass aus dem artgerecht postpubertären Timm etwas Anständiges geworden ist. Schon die vom Vater in stolzer Rückschau vorgestellten ersten schrullig-schrägen Dichtversuche des Neunjährigen lassen es ahnen: Der Sohn wird in die Stapfen des Vaters (eines in der DDR erfolgreichen Lyrikers und Kinderbuchautors) treten und ebenfalls Gedichte schreiben. Er wird sich darüber hinaus einige nützliche und praktische Fertigkeiten wie zum Beispiel Korbflechten, Schlagzeugspielen oder Pyrotechnik erwerben und zusammen mit ein paar Kollegen als Frontsänger Till Lindemann die Band „Rammstein“ zum Ruhm führen – alles gemäß dem einstigen Wunsch seines Vaters: „Such, aber such nicht wahllos.“

Ihre Kristin Lange

Werner Lindemann, Mike Oldfield im Schaukelstuhl, 186 Seiten

Buchverlag Der Morgen, Berlin; nur noch antiquarisch erhältlich

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