Lieblingsschurke: Cethegus

Normalerweise hält man es mit den Guten, bewundert, bangt und fiebert um sie, wenn sie in Gefahr geraten, und freut sich, wenn diese überstanden ist. Schon bei der ersten Lektüre von »Ein Kampf um Rom« kam ich aber um die Bewunderung des Antagonisten – Senator Cethegus – nicht umhin. Der Autor Felix Dahn hat alle seine Hauptfiguren in diesem Roman sehr komplex angelegt und ihnen innere Widersprüche mitgegeben. Die Guten kommen nicht ganz so gut weg wie sonst üblich. Und die Bösen sind nicht nur einfach böse, sondern bei Dahn mindestens so differenziert angelegt wie die Guten. Cethegus ist ein Idealist. Er möchte Rom zu seiner alten Größe zurückführen, spielt deshalb die Goten und die Oströmer (Byzantiner) geschickt gegeneinander aus, weiß Westrom und sich selbst so manchen Vorteil zu verschaffen. Er schreckt auch vor Mord nicht zurück und entwickelt sich so nach und nach, und auch für ihn zunächst unbemerkt, zu einem von Ehrgeiz in eigener Sache getriebenen Menschen. »Was hätte werden können, wenn er sich nicht hätte verleiten lassen, jedes Mittel anzuwenden?«, ging mir nach der ersten Lektüre durch den Kopf. Da war ich vierzehn Jahre alt.

Tatsächlich hätte es nicht anders werden können, denn Cethegus hat nie existiert. Felix Dahn kannte sich gut aus. Er hatte mehrere geschichtliche Werke und Monographien über diese Zeit geschrieben. Und er hat bei der Anlage des Romans darauf geachtet, so korrekt wie möglich zu sein. Er hat aber auch alle Möglichkeiten des Romans ausgeschöpft, Personen hinzuerfunden und manche historische Tatsache abgewandelt, wenn es der Handlung des Romans dienlich war. Immerhin ist ein packender historischer Roman entstanden, der damals dazu führte, diese Art von Romanen als »Professorenromane« zu bezeichnen. Er hat auch seinen Reiz heute noch nicht verloren, wird immer wieder neu aufgelegt und wurde 1968 sogar verfilmt. Ich hatte damals den Roman gerade ausgelesen und bin begeistert ins Kino gegangen, ein wenig unzufrieden nachher, weil die Handlung doch arg zusammengestrichen war, aber in der Summe auch mit den Darstellern einverstanden (Orson Welles mimte beispielsweise den Kaiser Justinian). Heute kann man sich den Film, der mit Recht zu den »Sandalenfilmen« gerechnet wird, nicht ohne eine gute Portion Humor ansehen. Aber das Buch lohnt sich noch zu lesen. Allein wegen des Schurken, Senator Cethegus. Die vollständige Ausgabe gibt es preiswert beim Anaconda-Verlag oder als Taschenbuch bei dtv und auch als kostenloses E-Book.

Ihr Horst-Dieter Radke

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