Lieblingsschurken: Billy

Bitte bleiben Sie ganz entspannt, wenn es bei Ihnen klingelt und mein Lieblingsschurke Billy vor der Tür steht. Wahrscheinlich ist das Ganze ein Irrtum, der im Nu aufgeklärt ist, und hinterher lachen Sie beide drüber.

Wirklich, Sie haben nichts zu befürchten. Denn Sie haben ja niemanden ermordet, nicht wahr? Sie haben keine Rechnung mit jemandem offen, dem sie das Liebste genommen haben. Die Frau, den Bruder, das Kind.

Oh.

Haben Sie doch.

Okay. Dann ist das jetzt etwas.

Blöd.

Billy ist Auftragsmörder. Er arbeitet in der Firma seines Onkels Seamus, einem kleinen, feinen Familienunternehmen, das nur aus Onkel Seamus, Billys Bruder Frankie und Billy selbst besteht. Früher war noch Tante Livi mit von der Partie, die aber jüngst verstarb.

Onkel Seamus nimmt höchstens zwei Aufträge im Jahr an. Das kann er sich leisten, denn die Auftraggeber zahlen gut. Sie sind reich, jemand hat ihnen das Liebste genommen – die Frau, den Bruder, das Kind – und sie wollen – ja, was? Rache? Gerechtigkeit? Ihren Frieden?

Diese und eine Menge anderer Fragen versucht Billy zu ergründen, seit Onkel Seamus ihn vor fünfzehn Jahren in die Firmengeheimnisse eingeweiht hat und er seinen ersten Auftrag ausführen durfte. Inzwischen sind es fünfzehn. Billy hat keine Skrupel, weiß aber immer noch nicht genau, warum nicht. Und ob er nicht doch einer von tausend Roman- und sonstigen Helden ist, mit denen ein Autor einem die in dem Fall zwar schottische, aber trotzdem irgendwie amerikanische Art einer zum Kotzen selbstgerechten Selbstjustiz schmackhaft machen will. Und womöglich ist es am Ende der Autor selbst, der es auch nicht weiß und sich einen Riesenspaß daraus macht – sehr zum Lesevergnügen und stellenweise ein bisschen wie bei Tarantino, der einen ja auch gerne auf den Topf setzt und dann da sitzen und darüber nachgrübeln lässt, ob man nun lachen darf oder nicht – und bevor man über diesem Zwiespalt verzweifelt, lacht man eben.

Billy ist übrigens weder ein schottischer noch ein amerikanischer, sondern ein deutscher Roman. Vom Autor einzlkind ist nicht viel mehr bekannt als sein Pseudonym und die Tatsache, dass er extrem fettleibig ist – was stimmen kann oder auch nicht.

Zur Handlung: Billy reist von Schottland in die USA, um einen Freund zu treffen. Und damit ist das meiste auch schon gesagt. Eine gewisse Passierlosigkeit durchflimmert das schmale Büchlein, ähnlich der in der Wüste von Nevada, die Billy durchquert. Unterwegs kauft er einem giftigen alten Indianer drei Traumfänger und anderen Unfug ab, hat eine Panne und tauscht den kaputten Leihwagen gegen einen anderen. In einer Bar in Las Vegas stößt sein Freund zu ihm. Die beiden quatschen, dann fahren sie ein bisschen rum, beobachten Leute und spielen Bingo. Später wird gepokert, und ganz zum Schluss passiert was. Man weiß nicht so recht, was, aber das macht nichts.

Der Rest ist Billys im Rückblick erzählte Lebensgeschichte, sind Erinnerungen, Reflexionen. Und während wir Billy durch die dünne Handlung begleiten, gibt es viel zu bedenken: das Gute, das Böse, das amerikanische Gewissen, das eigene Gewissen, Nietzsche (Billys Lieblingsphilosoph), Kant (Nietzsches verknöcherter Gegenpart), die Wahrscheinlichkeit, mit philosophischem Geschwafel Frauen zu verführen (gegen null), den Drang mancher Menschen, Elvis Presley zu imitieren, Musikgeschmack, Mixed Martial Arts, Emojis, unsere dereinstige, möglicherweise rein virtuelle, Existenz und vieles, vieles mehr – kurz gesagt: das Leben in all seiner Lustig- und Garstigkeit. Und wenn man die zweihundert Seiten dieser schrägen und wunderbar unterhaltsamen Klamotte durch hat, dann fühlt man sich im besten Fall so glücklich wie Billy, wenn er seiner erklärten Lieblingsbeschäftigung frönen darf: dem Denken. Dem Zurückdenken, Vordenken, Umdenken, Neudenken, Kreuzdenken, Querdenken, dem Nichtaufhören zu denken, bis – naja, eben bis.

Und wenn Billy Sie wirklich einmal besuchte? Dann dürften Sie sich ganz zum Schluss ein letztes Lied wünschen. Was wäre Ihr letztes Lied? Wahrscheinlich ein Song, der schöne Erinnerungen wachruft, oder? Verständlich – aber vielleicht doch keine gute Wahl, wenn Sie wüssten, dass Sie  gleich abgeknallt werden. Lieber etwas, das Ihnen den Abschied erleichtert: Girls just wanna have fun zum Beispiel, oder O Haupt voll Blut und Sünden. Oder eins von den Liedern, die Tante Livi immer so gern gehört hat. Link

Sie könnten ja mal drüber nachdenken.

Ihre Kristin Lange

Einzlkind, Billy, Suhrkamp TB 2017

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