Lieblingsschurken: Isidor Ottavio Baldassare Conte Fosco

Arno: Im folgenden Beitrag geht es um einen Schurken von wahrhaft napoleonischem Zuschnitt: Ein Unmengen von Törtchen verdrückendes, weiße Mäuse dressierendes und Rossini-Arien schmetterndes Exemplar. Jürgen, bereit?

Jürgen: Yep.

Arno: Fangen wir gleich mit der ersten Frage an: Wie heißen deine Lieblingsschurken?

Jürgen: Das ist leicht: Erdogan, Trump …

Arno: Ich meine nicht die gefakten, sondern die echten Schurken aus der Weltliteratur.

Jürgen: Okay, dann sage ich mal: Mephisto, Marinelli, Franz Moor …

Arno: Nein, ich meine nicht die weichgespülten Schurken der Schullektüre, sondern …

(Gong!)

Arno: … der großen Gesellschaftsromane. Diese Romane sind unterhaltsam und auch literarisch, wenn sie die Gesellschaft als Ganzes widerspiegeln. Frage Numero zwei: Wann erschien deiner Schätzung nach der erste Krimi?

Jürgen: Wenn du mich so fragst, würde ich spontan sagen: In den 1840er-Jahren mit den Rue-Morgue-Geschichten von Edgar Allan Poe.

Arno: Du hast deine Hausaufgaben gemacht. Ich persönlich würde sogar bis Schillers „Geisterseher“ zurückgehen. Aber der wichtigste Krimi der englischen Literatur ist für mich der heutzutage schon fast in Vergessenheit geratene, aber uns Älteren nicht zuletzt aufgrund der Verfilmung mit der bestrickenden Heidelinde Weiß noch lebhaft in Erinnerung gebliebene Roman „Die Frau in Weiß“ von Wilkie Collins. Er erschien im Jahr 1859, gewissermaßen einem Schwellenjahr, in dem auch die Marx-Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ und „The Origin of Species“ von Charles Darwin herauskamen. „Die Frau in Weiß“ ist schon ein überraschend moderner Roman. Es tritt kein allwissender Erzähler mehr auf (wie noch bei Charles Dickens), sondern die Geschichte wird von rund einem Dutzend Personen protokollartig aus der persönlichsten Ich-Sicht erzählt. Und genau darin tritt nun der Superschurke des Mr. Collins auf, mit dem einmaligen und oft kopierten, aber bis heute unerreichten …

(Gong!)

… Isidor Ottavio Baldassare Fosco, Conte des Heiligen Römischen Reiches, Ritter des Großkreuzes vom Orden der Eisernen Krone, usw. usw.

Jürgen: Kenne ich nicht.

Arno: Dieser Conte Fosco ist gerade so satanisch, weil er welterfahren, gebildet, wortgewandt und im reinsten Wortsinne gewissenlos ist.

Jürgen: Magst du uns bitte eine Kostprobe davon geben?

Arno: Gerne. An einer Stelle fragt der zweite Bösewicht des Romans, Sir Percival, den Conte hinterlistig-naiv, ob ein abgelegener Waldsee nicht der ideale Platz für einen Mord sei. Der Conte antwortet, in dieser Location könne man weder seine Spuren verwischen noch die Leiche verschwinden lassen. Kurzum, nur ein Narr würde vor dieser Kulisse einen Mord begehen, ein weiser Mann jedenfalls nicht. Darauf entgegnet Laura (die weibliche Heldin), dass es ein Widerspruch in sich selbst sei, einen Mörder als weise zu bezeichnen, weil wahrhaft weise Männer auch immer zugleich gut seien: Es gäbe schließlich kein Beispiel, wo man einem weisen Mann einen Mord nachgewiesen hätte. Der Conte erwiderte, das Letztere sei richtig, weil nur Narren sich erwischen ließen, während weise Männer eben ihre Weisheit darin erweisen, dass ihre Verbrechen unerkannt bleiben.

Jürgen: (lacht) Gut gegeben!

Arno: Finde ich auch. Der Punkt ist natürlich, dass der Conte Fosco selbst ein weiser Mann ist; zumindest hält er sich für einen, und ob er sich am Ende des Romans wirklich auch als ein solcher entpuppt oder doch nur ein eitler Narr ist, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Jedenfalls ist er der Typ Schurke, der alle Menschen mit einem Schwall schöner Worte einwickelt und manipuliert, sie stets zum eigenen Vorteil missbraucht, wenn es sein muss, auch über Leichen geht, aber am Ende immer mit blütenweißer Weste und als Wohltäter der Menschheit dasteht.

Jürgen: Gott, das hieße ja, wir lebten in einer Welt ohne Tugend, in der jeder der Mörder seines Nächsten ist.

Arno: Dazu würde der Conte sagen, dass er in seinem langen Leben schon so viele Tugenden habe Kommen und Gehen sehen, dass er sich gar nicht mehr sicher sei, ob Mord eine gute oder schlechte Tugend sei.

Jürgen: Diese Argumentation kommt mir bekannt vor. Kannst du uns noch verraten, wen du in der Nachfolge oder Erblinie dieses Conte in der jüngsten und allerjüngsten Literatur siehst?

Arno: Anton Chigurh.

Jürgen: Dieser durchgeknallte Bolzenschusskiller …

Arno: … aus Cormac McCarthys „No Country for Old Men“. Dieser Mann vertritt die radikalst-antisoziale Philosophie, so dass er gar keine Tugenden mehr zur Flankierung seiner Untaten braucht. Er lässt den Zufall eines Münzwurfs entscheiden, ob er mordet oder nicht. Er ist halt ein Mensch (wie McCarthy ihn auf den Punkt charakterisiert), der null Humor hat.

Jürgen: Aber diese Geschichte ist doch total überzeichnet und unrealistisch.

Arno: Jetzt bist du derjenige ohne Humor. Gute Romane spiegeln die Welt genauso ab, wie sie ist, aber nicht wie sie wünschenswerterweise sein sollte. Deshalb sind die besten Romane letzten Endes auch wirklicher als die Wirklichkeit selbst.

Jürgen: Okay, und das trifft auch auf diese Schwarte von Wilkie Collins mit (ich will jetzt nicht lügen) genau 763 Seiten zu?

Arno: Wenn in einem Roman gut ein Dutzend verschiedene Charaktere und Temperamente auftreten, dann braucht es dazu schon etwas mehr als eine Short-story, um beim Leser das Gefühl der Mannigfaltigkeit und des vollen Wirklichkeitseindrucks hervorzurufen.

Jürgen: Mit einem Wort: Dieser Roman ist ein absolutes Muss für Leseratten.

Arno: Auch und besonders für all=die, die Krimis lesen und schreiben. Aber tut mir einen letzten Gefallen, ersteht (per Scheck oder Bares versteht sich) die Übersetzung, die platterdings besser ist als das Original …

Jürgen: ?

Arno: … nu, die von meinem Namensvetter …

Jürgen: Gong!

Arno: Wilkie Collins: Die Frau in Weiß.

Ihr Jürgen Block

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