Michaels scheußlichstes Buchgeschenk oder Über die nicht bestehende Pflicht, Geschenkbücher zu behalten

Ich gehöre nicht zu denen, die in Büchern per se etwas Schönes, Edles, ja: Heiliges sehen, das ein Buch völlig unabhängig von seinem Inhalt und seiner Qualität zu etwas Erhaltenswerten macht. Bücher sind nicht besser als andere Medien – in dem Sinn, dass sie den gleichen Marktgesetzen unterliegen, die sagen: Ein Buch, das sich verkauft, ist gut. Um gegen den sich dennoch vor allem unter Literaten haltenden Bücherfetisch zu argumentieren, muss man nicht „Mein Kampf“ heranziehen und die Machwerke, die der Kopp Verlag wegdruckt. Es reichen die ungezählten Belletristik-Ergüsse von Prominenten, die die Form des Romans bedeutungslos gemacht haben, wo den Prominenten ehedem der Sachbuchbereich genügt hatte.

Nun handelt es sich bei einem guten Teil der meistverkauften Bücher um Geschenkbücher; und da diese namentlich nicht zum Lesen, sondern zum Verschenken da sind, könnte man hoffen, dass diese optisch hochprofessionellen Werke wenigstens nicht gelesen, höchstens angeschaut würden. Den Fehler, doch zu lesen, habe ich zum Beispiel bei Hirschhausens „Glück kommt selten allein“ begangen. Beeindruckend fand ich neben der Vielfalt all der bunten und launigen Hintergrundboxen und den visuellen Gefälligkeiten, mit welch übergefälligem Humor es zu reüssieren vermochte. Was dann aber wiederum auch nicht erstaunlich war. Gefragt, was mir die Ehre dieser Gabe verschuf, antwortete die Schenkerin, dass es grandios lustig sei. Es war geschenkt. So und so. Nachdem ich lange und zurecht dem gleichlautenden, aber noch größerem Lachversprechen („das Lustigste, was Du je gelesen haben wirst“) zu Kerkelings „Ich muss dann mal weg“ widerstanden hatte, hielt ich das Buch an Weihnachten in der Hand. Leider gehörte seine Lektüre nicht zu den vielen Momenten des Lebens, die mein Vorurteil auseinandernehmen und somit eine neue Erkenntnis bescheren. Humor setzt voraus, dass er überrascht, was schwer gelingt, wenn er einem wohlbekannten Muster folgt.

Belletristisch mit am ärgerlichsten fand ich Tellkamps preisgekrönten Roman „Der Turm“ – eine Ansammlung ausgesucht missglückter Metaphern. Sucht das Hirn noch nach einem geraden Gedanken hinter der einen, stolpert man im Weiterlesen schon über die nächsten. Von der Uneleganz des Erzählens gar nicht zu reden. Später bestätigte sich leider der Verdacht, dass Tellkamp nicht nur Chronist, sondern glühender Verehrer des von ihm wohl zurecht so bieder beschriebenen Bildungsbürgertums im Dresden der DDR war. Dazu macht Tellkamp sich derzeit mit Toleranz für intolerante Rechte einen Namen.

Sie merken, liebe Leser, es fällt mir schwer, mich auf eines der Bücher zu beschränken, das ich nach erfolgter Schenkung gern wieder losgeworden bin. Meistens immerhin an eines der guterweise immer häufiger anzutreffenden Tauschregale. Es ist schließlich nur mein eigenes Bücherregal, in das ein Werk keinen Einlass gefunden hat. Gleichwohl gibt es auch Bücher, die in den Papiercontainer zu geben man kein schlechtes Gewissen haben muss – weil sie noch uninteressanter und schlechter sind als die hier ausführlicher erwähnten.

Ihr Michael Höfler

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