Meister weniger Worte (2): Bill Watterson

Calvin räkelt sich an seinem Schulpult. Plötzlich platzt es auf ihm heraus. „Langweilig!“, ruft er in die Klasse. Auf dem letzten Bild des Cartoons ist er auf dem Weg zum Büro des Direktors und dabei sagt er: “Jaja. Hängt den Boten.“

Ich gebe zu, dass dieser Witz nicht so lustig ist, wenn man ihn erzählt. Denn es fehlen die Zeichnungen von Bill Watterson, dem „Vater“ von Calvin. Und Calvin ist eigentlich nicht komplett ohne Hobbes. Aber der Reihe nach.

Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass der geneigte Leser noch nie einen Cartoon von Calvin und Hobbes gelesen hat, sei kurz erklärt, wer die beiden Protagonisten sind.

Calvin ist ein sechsjähriger Junge, der mit seinen Eltern in einer Kleinstadt irgendwo in Amerika lebt. Sein ständiger Begleiter ist sein Stofftiger Hobbes, der aber für Calvin lebendig ist. Der Betrachter des Cartoons nimmt meist die Calvin-Sicht ein und sieht einen lebendigen Tiger agieren, manchmal wechselt er aber in die Außenperspektive und Hobbes ist nur ein Schmusetier. Dieser besondere Kunstgriff macht zum Teil den Reiz der Serie aus, denn so bekommt der erwachsene Betrachter und Leser die Welt aus der Sicht eines Sechsjährigen erklärt. Dabei schwankt Calvin oft zwischen völligem Unverständnis für die Erwachsenenwelt bis hin zu Allmachtsfantasien. Aber die hauptsächliche Attraktivität bezieht sie aus der wahrhaft kindlichen Anarchie der beiden Hauptfiguren.

Am besten lässt sich diese Anarchie mit den Regeln von Calvin-Ball erklären, dem Spiel, das Calvin selbst erfunden hat und das beide mit großer Begeisterung spielen. Die wichtigste und eigentlich einzige Regel ist, dass es keine Regeln gibt. Oder dass alle Regeln unmittelbar gebrochen werden.

Mit Calvin und Hobbes hat Bill Watterson eine Jekyll-und-Hyde-Variante der besonderen Art geschaffen. Der Sechsjährige ist dabei die unbezähmbare Hyde-Persönlichkeit. Ein solches Kind wünscht man nicht einmal seinem ärgsten Feind. Dass er die Schule hasst und ihr in Tagträumen als Raumfahrer Spliff zu entkommen versucht, ist eine Sache. Auch sein ganz eigenes Verständnis von Schneemännern, die er gern auch einmal als Verkehrsopfer vor Papis Auto modelliert oder als Ertrinkende aus dem Schnee aufragen lässt, sind noch erträglich. Aber es sind vor allem die Eltern, deren Nerven Calvin strapaziert. Besondern schön sind dann die Cartoons, in denen sich Vater und Mutter gegenseitig Vorwürfe machen („Ich wollte ja von Anfang an lieber einen Hund.“). Auch was Calvin oft mit der armen Susi Derkins anstellt, die einfach nur das Pech hat, in der Nachbarschaft zu wohnen, das ist schon hart. Sie wird mit Schneebällen der besonders gemeinen Sorte („matschig mit Steinen“) oder mit Wasserbomben beworfen. Es gibt sogar einen Club, den E.M.S.V. (Eklige Mädchen Sollen Verduften!), der sich im Grunde nur gegen sie richtet. Nein, wenn man es genau nimmt, dann ist Calvin ein eher ungemütlicher Zeitgenosse. Dass er wie der Reformator Johannes Calvin an die Vorbestimmung glaubt, dient ihm oft lediglich als Alibi, nicht für die eigenen Taten verantwortlich zu sein.

Hobbes dagegen, sein Alter Ego im flauschigen Tigerfell, ist eher ruhig, genießt das Leben und die Aufmerksamkeit Susis („Sie findet mich süß!“). Nicht selten ist er Calvins Gewissen, versucht ihn – oft vergebens –, von Dummheiten abzuhalten. Wenn man es genau betrachtet, dann ist Hobbes sogar sophisticated, mit allen Mehrdeutigkeiten des Begriffs. Als Tiger legt er besonderen Wert darauf, kein Mensch zu sein. Den eher düsteren Blick auf die Menschheit hat er mit dem Mathematiker und Staatstheoretiker Thomas Hobbes gemeinsam.

Aus dem Wechselspiel dieser beiden entwickelt Bill Watterson eine unglaublich witzige Reihe, die hin und wieder nur durch seinen genialen Tuschestrich funktioniert. Der 1958 geborene Cartoonist zeichnet die Serie von 1985 bis 1995, sie erscheint zeitweise in 2300 Zeitungen. Der Entschluss, die Reihe einzustellen, kommt von ihm selbst. Ebenso ist es seine Entscheidung, seine beiden Helden nie mit Tassen, T-Shirts und ähnlichem zu vermarkten oder als Trickfilmserie im Fernsehen zu verhunzen.

Seit der Beendigung seines Opus Magnum lebt Watterson zurückgezogen mit seiner Familie in Cleveland Heights, Ohio, zeichnet nur noch wenig und gibt keine Interviews mehr. Wenn man Fotos von ihm sieht, erkennt man in ihm nicht so sehr den kleinen Anarchisten Calvin, sondern eher dessen Vater.

Wie beliebt seine Figuren auch heute noch sind, mag man an der Tatsache erkennen, dass eine seiner Zeichnungen bei einer Auktion den Preis von 203.150 US-Dollar erzielte und somit der teuerste auf einer Auktion versteigerte Cartoon ist.

Eine besonders aufwendig gestaltete und mit circa 10 Kilo sehr gewichtige dreibändige Gesamtausgabe von Calvin und Hobbes ist im Carlsen-Verlag erschienen (ISBN 978-3-551-78838-2) und ist jeden Cent der rund 150 Euro wert.

Ihr Wolf P. Schneiderheinze

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