Jays schönstes Buchgeschenk – oder mein Freund Flicka

1945 lag Leipzig in Trümmern, war grau und schwarz. Als ich auf die Welt kam, war meine Familiengeschichte vorbei. Tot waren die einen, emigriert die meisten. Wenige der Verwandten kehrten nach Leipzig zurück. Meine Mutter fand Arbeit bei der Volkszeitung, in der Buchhaltung und Redaktion. Sie schrieb kleine Geschichten aus dem Alltag. 1950 stand sie vor der Tür. (Sie konnte nie ihren Mund halten und redete von roten Proleten.) Erich Loest stand 1957 nicht nur vor der Tür der Leipziger Volkszeitung, sondern wurde wegen konterrevolutionärer Umtriebe in das Gefängnis nach Bautzen transportiert. Sieben Jahre Schreibverbot.        Als Kind wusste ich von den politischen Dummheiten der Erwachsenen nicht viel, nur mit den Auswirkungen des Kreidestrichs in unserem Klassenzimmer kannte ich mich aus. Vorne beim Ofen saßen die Kinder der Parteigenossen. An den kaputten Wänden hingen Bilder von Ulbricht und Pieck. Missmutige Männer. Sie hatten es warm, sie hingen neben der Tafel. Am wärmsten hatte es Stalin, sein Bild war direkt hinter dem Ofenrohr angebracht. Das Gesicht von Väterchen Russland wurde rußig. Die anderen Kinder, zu denen ich gehörte, saßen hinter dem Kreidestrich. In der Kälte. Bourgeoises Pack, Flüchtlinge, Balten, Juden.

Meine Mutter landete im VEB Haus des Buchhandels, dann stand sie auch dort vor der Tür. Sie weigerte sich, in die Einheitspartei einzutreten, und ich freches Mädchen ließ jede Einsicht in die Klassenverhältnisse vermissen. Was wollte diese Partei von uns kleinen Kindern? Fahnen hissen, Lieder singen und ein blaues Halstuch tragen. Seid bereit. Immer bereit. Wir waren Klassenfeinde. Im eigenen Land. Vor 1945 war es um die Rasse gegangen, jetzt ging es um die Klassenzugehörigkeit. Wir mussten weg. 1952. Im Winter. Ein Holzkoffer, eine Tasche. Ohne Papiere flüchteten meine Mutter und ich aus der DDR. Mit Zügen. Von Bahnhof zu Bahnhof. Über die Grenzen liefen wir. Durch den Schnee. Durch die Tschechoslowakei, Richtung Hof. Ins Lager Moschendorf. Meine Mutter fand die Zustände und die anderen Flüchtlinge entsetzlich, also nahm sie unseren Holzkoffer und ging. Ich hinterher. Das Verlassen des Lagers war verboten. Ich halte diese Leute nicht aus, sagte sie. Den Dreck. Wir sind anders. Wie anders wir waren, wusste ich nicht. Ich war ein kleines Mädchen. Mit uns geflüchtet war der Buchhändler Wolfgang Küsters. Auch er lief hinterher.

Die Flucht ging ohne den wichtigen Entlassungsschein weiter, ohne die nötigen Stempel und Zuzugsgenehmigungen. Mit Zügen. Von Station zu Station. Ohne Fahrscheine. Bis an den Bodensee. Friedrichshafen. Die Schweiz blieb versperrt. Die Alpen waren ein fernes Bild. Weder in den Süden noch nach Westen ging es weiter. Und in den Osten wollte niemand – bei allem Heimweh.

In Friedrichshafen, zwischen den Trümmern, hatte der Seeverlag Willy Küsters wieder den Handel mit Büchern und Bildern begonnen. Seeverlag und Seebuchhandlung. Weihnachten 1952. Wir besaßen nichts. In der alten Wetterstation unten am zerbombten Hafen hatten wir ein Dach über den Kopf. Strohsäcke. Die Nachbarn brachten eingemachtes Kraut, Brot. Geselchtes. Leintücher. Arbeiter von der Werft nebenan besorgten einen kleinen Baum, Kerzen. Ein Stück Schokolade. Kannte ich nicht. Als es dämmerte, klopfte ein Mann gegen das Fenster: Wolfgang Küsters stand im Schnee vor der Tür. In der Hand ein kleines Päckchen, einen Hammer. Unter dem Arm ein Bild. Einen Druck vom alten Augustusplatz in Leipzig. Das Päckchen gab er mir. Einen Tannenzweig mit Kerze hatte er auf das gebrauchte Packpapier gemalt (mache ich bis heute bei allen Geschenken).

Mit meiner Mutter zusammen suchte er einen Platz für das Bild. Ich packte vorsichtig mein Geschenk aus. Ein Buch. Mein Freund Flicka. Mein erstes Buch. Ich konnte lesen. Ich las am ersten Weihnachtstag, bis mir die Augen zufielen. Ich las. Ich hatte in dieser Fremde am Bodensee einen Freund. Flicka war mein Pferd. Ich war nicht mehr allein. Ich saß mit meiner dicken Russenjacke draußen auf einem Stein der zerborstenen Kaimauer, schaute über den See zum Säntis und hielt das Buch mit beiden Händen.

Ihre Jay Monika Walther

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