MV in FL

Mitgliederversammlung. Ein gutes Dutzend Leute oder auch etwas mehr sitzen um einen schlecht abgewischten Konferenztisch und schieben zwischen eingetrockneten Kaffeflecken Protokolle und Anwesenheitslisten hin und her. Es riecht nach Schweiß und kaltem Rauch. Die Arbeit muss getan werden, also tut man sie und wenn sie dann endlich getan ist, sind alle froh, nach Hause fahren zu dürfen. Tja, genau so läuft das in neunzig Prozent der Fälle vermutlich tatsächlich ab, und es ist genauso grausam, wie es sich anhört. Zum Abgewöhnen. Bei den 42erAutoren läuft das anders ab. Nämlich so:

Flensburg, Freitagabend. Die „Ide Min“, ein Zweimast-Gaffelschoner, macht an der Schiffbrücke fest. Eine Handvoll 42er geht an Bord, bezieht die Kajüten und bereitet die abendliche Lesung vor.

            19:00. Im Salon unter Deck eröffnet Didi die gut besuchte Lesung. Er wird den gesamten Abend moderieren und man merkt sofort, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Auf dem Programm stehen szenische Lesungen, Kurzgeschichten und Romanauszüge. Außerdem gibt es was auf die Ohren, von der wunderbaren Berit (malinamoon), die sich selbst mit der Gitarre begleitet.

            21:00. Die Gäste gehen von Bord, einige erstehen Bücher, aus denen gerade eben vorgelesen wurde. Manche 42er blicken sich immer noch erstaunt um, spähen in die seewetterfeste Kombüse, in der auch bei zwölf Beaufort weder ein Topf vom Herd, noch irgendwas aus den Schränken fallen kann und wundern sich über die großen Stahlriegel, mit denen man Niedergang, Fenster und wichtige Türen wasserdicht verrammeln kann. Morgen wird gesegelt. Aber was genau bedeutet das eigentlich auf der Ostsee?

            02:00. Der Salon ist verwaist. Das „Bad“ (2 für 19 Leute) hat sich als Dusch-Toilettenkombination erwiesen, etwas Unzufriedenheit liegt in der Luft, aber nicht lange, dann sind alle froh, in der Kajüte zumindest ein kleines Waschbecken vorzufinden. Die Kojen sind so, wie man sie sich als Landratte vorstellt: Übereinandergeschachtelt und eng, sodass man immer mal wieder ein dumpfes „pock“ hört, wenn wieder jemand irgendwo angestoßen ist. Gelegenheit dafür gibt es reichlich, denn Platz ist auf einem Schiff Luxus. Vermutlich sind aus diesem Grund die Kajütenwände aus Sperrholz, denn das ist dünn. So dünn, dass man das leiseste Geräusch im ganzen Rumpf hört.

Samstag, 9:30. Zwischen Heringssalat und Fischbrötchen werden die Berichte des Vorstands und des Schatzmeisters verlesen und verabschiedet. Es stehen Neuwahlen an und um Sie jetzt nicht mit den Details aufzuhalten, hier nur das Ergebnis: Wir haben eine gute Mannschaft und eine neue Große Vorsitzende: Cordula.

10:30. Der wummernde Diesel schiebt das Schiff in die Flensburger Förde, wo der Skipper die „Ide Min“ in den Wind dreht und uns allmählich dämmert, dass die überall hängenden, liegenden und querbeet verlaufenden Seile kein Schmuck sind. Ständig muss an irgendeinem Seil gezogen werden. Drei Erwachsene sind nötig, um die Segel mit Hilfe der „Fallen“ am Mast hochzuziehen. Wieder drei, um sie über die „Schoten“ im richtigen Winkel in den Wind zu stellen. Das hier ist keine Kaffeefahrt. Es wird nichts verkauft, stattdessen werden in den Pausen Knoten geübt: Palstek, Kreuzknoten, halbe Schläge. Was man halt so braucht. Aber erst auf dem Rückweg wird es richtig anstrengend. Wir müssen kreuzen, also heißt es „hart am Wind“, alle naselang wird das Schiff gewendet, die gerade erst sorgsam „aufgeschossenen“ Seile werden wieder heruntergerissen, ungläubig dreinschauende Menschen tun so, als sei es ganz normal, mit kurzangebundenen Befehlen über das Deck geschickt zu werden, sich wieder und wieder zu dritt in die Schoten zu stemmen, anschließend alles wieder aufzuräumen, nur um es zehn Minuten später in einem Pulk auf dem Deck wiederzufinden. Komischerweise meckert keiner. Ich vermute Überforderung.

17:00. Mit einem Manöver, bei dem mehrere Taue und für mich nicht nachvollziehbare Ruderbewegungen des Skippers notwendig werden, machen wir an der Schiffbrücke fest. Der Skipper springt an Land und küsst den Boden. Haben uns wohl schlimmer angestellt, als ich dachte.

19:00. Die zweite Lesung steht an. Diesmal ist es noch voller, einige Gäste müssen wegen Platzmangel abgewiesen werden. Schade, aber irgendwie auch egal, denn die Anwesenden haben sichtlich Spaß mit unseren Texten und Berits musikalischer Untermalung.

21:00-02:00. Die Gespräche im Salon sind ausgelassener als gestern, es werden Telefonnummern ausgetauscht, Treffen vereinbart, Vorhaben besprochen. Ich bin froh, hier zu sein, trinke ein bisschen zu viel und irgendwann ist es egal, dass man sich an Bord nicht richtig waschen kann, es im ganzen Schiff abgestanden und leicht fäkal müffelt, alles viel zu eng ist und ich von der Segelsetzerei die Haut an meinen Händen gelöst hat. Die 42er sind ein tofter Haufen, eine bunte Mischung unterschiedlichster Charaktere, die der Drang zu schreiben vereint. Ab jetzt ist es auch noch ein Haufen, der ein Schiff segeln kann. Und das ist irgendwie richtig knorke. Danke,Didi.

Christoph Junghölter

 

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