Nebliger Urlaubstag

Meine Frau liebt den Julierpass, und so fuhren wir letztes Jahr im September, während unseres Urlaubs in Graubünden, einen Tag hinüber.

Auf der anderen Seite bogen wir aber nicht links zum langweiligen St. Moritz ab, sondern fuhren rechts weiter an den Seen entlang. Die Wolken hingen tief. Nebel lag über dem Silvaplanasee. Wir fuhren nicht schnell, um diese traumhafte Stimmung zu genießen. Da kaum Verkehr war, gab es keine hupenden Drängler. Kurz vor dem Silsersee gab es einen Parkplatz. Wir hielten, denn ich wollte fotografieren, versuchen, diese Stimmung einzufangen.

Ein Schild wies auf den Ort Sils, der gleich hinter der Brücke begann. Wir hatten keinen festen Plan, und so beschlossen wir, uns den Ort anzusehen. Viel war da nicht, eine Kirche mit Friedhof, ein paar Häuser, ein Hotel. Doch die Straße führte geradeaus, und da wir an diesem Tag noch nicht ausreichend Bewegung hatten, gingen wir weiter. Immer die Straße entlang, ungefähr eineinhalb Kilometer, bis der nächste Ort begann, der etwas mehr Infrastruktur aufwies.

Schon der Name Sils hatte bei mir etwas anklingen lassen, ich wusste jedoch nicht, was. Dieser zweite Ort hieß Sils-Maria, was wohl bedeutete, dass die Orte zusammenhingen. Der Name kam mir nun noch viel bekannter vor. Während wir an den malerischen Häusern vorbeigingen, durchforschte ich meine Erinnerung, während meine Frau in diesen und jenen kleinen Laden hineinschaute und trotzdem immer ein wenig vor mir war. Dann wusste ich, woher ich den Namen kannte. In diesem Augenblick zeigte meine Frau mit dem Finger auf ein Schild und rief: „Schau, ein Haus, in dem Friedrich Nietzsche gelebt hat.“

Es würde auch heute öffnen, aber erst in eineinhalb Stunden. Wir beschlossen, uns zu trennen. Meine Frau wollte weiter die kleinen Lädchen im Ort abklappern, und ich lief zum Auto, um meine analoge Kamera zu holen. Anderthalb Kilometer zurück und dann noch einmal bis zum Haus, das brachte ausreichend Bewegung, um später ohne schlechtes Gewissen den warmen Apfelstrudel zu essen, der auf dem Schild vor dem Hotel neben dem Nietzsche-Haus ausgeschrieben war. Dort im Hotelrestaurant wollten wir uns treffen und bei Tee und Apfelstrudel die Zeit abwarten, bis das Nietzsche-Haus für Besucher geöffnet wurde.

Das Hotel war groß, gediegen ausgestattet, und im Restaurant waren die Tische so verteilt, dass genügend Platz dazwischen blieb und das Gefühl von Enge gar nicht erst aufkam. Als ich ankam, saß meine Frau schon und studierte die Teekarte. Die Bestellung war schnell aufgegeben, und es dauerte nicht lange, da wurde das Gewünschte gebracht. Die junge Bedienung ließ sich von meiner Frau in ein Gespräch verwickeln über den Ort, die beiden Wintersaisons, die Leben in den Ort brachten und darüber, dass sie nicht von hier stamme, sondern aus einem kleinen Dorf jenseits des Berninapasses. Wir genossen den Tee und Apfelstrudel, sahen aus dem Fenster die Wolken- und Nebelfetzen mal stärker und mal schwächer durch den Ort schweben, und etwa zehn Minuten vor Öffnung des Museums hielt es meine Frau nicht mehr aus und ging schon mal vor. Da ich davon ausging, dass man nach Öffnung nicht sofort wieder schließen würde, blieb ich sitzen und erlaubte mir, nach dem Bezahlen das Gespräch mit der Bedienung noch etwas weiterzuführen. Täglich fahre sie nicht heim, erfuhr ich, dazu sei der Weg zu weit. Aber wenn sie ab morgen wieder für zwei Tage frei habe, dann schon. Allerdings würde sie nicht heute Abend fahren, sondern gleich Morgen um sechs in der Früh, das Auto dann am Pass abstellen und zu Fuß hinübergehen. „Jetzt liegt da oben schon etwas Schnee, und es ist so schön, zu Fuß hinüberzugehen“, sagte sie. „Es sieht alles so verzaubert aus.“ Das beeindruckte mich, und ich sagte ihr, dass ich es gut fände, wie sehr sie solche Eindrücke noch genießen könne. Dann war es aber Zeit für das Nietzsche-Haus.

 

In diesem Haus wohnte der Philosoph in den Sommermonaten von 1881–1888. Das Zimmer ist karg eingerichtet und belassen, wie es der Dichter genutzt hat. In anderen Räumen sind Ausstellungen zu sehen. Tafeln an den Wänden informieren über Leben und Werk des Denkers und Personen aus seinem Umfeld, auch über andere Prominente, die es nach Sils-Maria verschlagen hat wie beispielsweise den russischen Dichter Boris Pasternak. Man kann in diesem Haus aber auch wohnen. Es ist als Begegnungsstätte für Künstler, Schriftsteller, Gelehrte, Studenten, Journalisten und philosophisch und kulturell Interessierte gedacht. Zimmer können für mindestens drei Nächte und maximal drei Wochen angemietet werden. Die Preise sind für Schweizer Verhältnisse human, liegen zwischen 65 und 110 Euro. Studenten zahlen in bestimmten Zeiten jedoch nur 42 Euro.

 

Wir verbrachten eine anregende, kurzweilige Stunde im Haus. Als wir es verließen, fing es leicht zu nieseln an. Der Nebel hatte sich verdichtet. Wir fuhren zurück, jenseits des Julierpasses besserte sich das Wetter zunehmend, und am Abend konnten wir an unserem Ferienort Salouf sogar noch die untergehende Sonne bewundern.

Falls Sie mal in der Gegend sind, schauen Sie im Nietzsche Haus vorbei. Es lohnt sich.

Bis zum nächsten Dichterhausbesuch

Ihr Horst-Dieter Radke

 

 

 

http://nietzschehaus.ch/de/

 

 

 

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