Nutzbar ist nur die alleroberste Schicht

Potsdam, kurz vor Weihnachten. Beim unverfänglichen Bummel durch die Stadt fällt mein Blick auf einen Laden, bei dem das Schild: »Jedes Buch 3,- Euro« mich sofort gefangen nimmt. Kein gewöhnlicher Buchladen, sondern ein Antiquariat. Der Versuch, mich daran vorbeizuzwingen, misslingt und schon stehe ich »im« Laden. Weitere Schilder – weiße Schrift auf rotem Grund – manipulieren mich derart, dass ich es nicht schaffe, wieder zu gehen.

Das hätte ein Stoff für Luis Buñuel sein können, aber der ist nicht zugegen und ich bin den Regalen und Tischen mit den vielen Büchern hilflos ausgeliefert. Wahllos greife ich in einem Stapel das zuunterst liegende Buch, in der Hoffnung, so etwas Schreckliches zu finden, dass es mir die Flucht ermöglicht. Was ich aber in der Hand halte, ist die »Entdeckung Ostpreussens« von »Robert Budzinski«. Altes Bibliotheksexemplar, mit Stempeln und Aufkleber auf dem Buchrücken, sonst aber gut erhalten. Siebte Auflage 1950, das Papier, wie bei vielen Büchern dieser Zeit, nicht besonders gut und entsprechend nachgebräunt (auch fünf Jahre nach dem Krieg war noch genug alter Zeitgeist vorhanden!). Enthalten sind viele Zeichnungen und Holzschnitte, Fraktursatz.

 

Wahllos schlage ich auf, sehe das Bild von Kant, bin positiv eingestimmt und lese darunter den Anfang des Kapitels »Die Bewohner«.

»Sie ähneln äußerlich den Kulturmenschen. Durchschnittliche Größe 1,65m, Behaarung wie üblich, bei den Männern in verschiedenen Lebensalter verschieden gefärbt, bei den Frauen je nach der Mode. Augen und Bauch öfters sehr ausdrucksvoll, Gesichtsausdruck einnehmend, besonders auf dem Lande. Die Frauen genießen sehr hohe Achtung und Ehrfurcht. Man sieht in den Schaufenstern und Modesalons der größeren Städte sehr häufig weibliche Götterbilder, die bewundernd angeschaut werden. Die Ehe halten sie heilig, zu ihrem Schutze dienen viele Vorrichtungen, namentlich die Heiratsbüros. Kinder sehr zahlreich, der größere Teil der Bevölkerung besteht aus ihnen, namentlich in politischer Beziehung.«

Zielgerichtet strebe ich der Kasse zu, zahle meine 3 Euro und verlasse den Laden. Entkommen! Nicht ganz unversehrt, aber es scheint sich gelohnt zu haben. Noch im Café, wo ich, ein wenig fußlahm geworden, Wärme und Kraft auftanke, blätter und lese ich im Buch. Die Begeisterung steigt. Und die Neugierde. Wer war dieser Robert Budzinski? Das wollte ich nun doch wissen und kontaktierte Tante Wiki.

 

Aha – Geboren 1874 in Klein-Schläfken im Kreis Neidenburg und gestorben 1955 in Marburg. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Maler, Graphiker und Autor. Das Ostpreußenbuch scheint sein letztes Werk als Schriftsteller gewesen zu sein. Sein erstes steigert die Neugierde bei mir allein durch den Titel bis an die Grenze des Erträglichen: »Geister- und Gespensterbuch. Die gebräuchlichsten Geister und Gespenster nach der Natur dargestellt für Dichter, Maler und Brautleute.« Das. Buch. Will. Ich. Haben. Ging es mir gleich durch den Kopf. Und ich beschaffte es mir. Alte Bücher zu bekommen ist ja heute nicht schwer und oft auch nicht kostspielig. Booklooker sei Dank. Das Buch ähnelt dem Ostpreußenbuch. Grafiken und Bilder, die eine Einheit bilden. Erster Versuch durch blindes Aufschlagen:

»Vampyr. Blutsauger, aber nicht so bösartig wie Wucherer.«

Weiteres zielloses Nachschlagen führt zu gesteigerter Heiterkeit. Also ein unsittliches Buch, das jeden »Ernst« vermissen lässt.

Ich bin glücklich über diesen Kauf und erwäge den Kauf eines Romans. Erwägen ist mir zu langweilig – ich schlage zu und habe wenige Tage später das Buch »Kehr’ um« (Berlin 1930) in der Post. Gelbes Leinen, schon etwas angeschmutzt. Das Papier in einem besseren Zustand als beim Buch aus dem Jahr 1950 (übrigens auch beim dem aus dem Jahr 1919 ist das Papier besser). Dieses Buch enthält wieder mehr Text, aber auch dabei kann sich der Autor nicht enthalten, Zeichnungen unterzubringen.

Ein Kapitel heißt, »Die kapitalistische Gesellschaftsordnung«, besteht nur aus Bildern und den Erläuterungen dazu auf der Gegenseite. Auf einem Bild sitzt ein fetter Mann am Tisch und frisst sich durch Berge von Essen. Unter dem Tisch eine magere Gestalt. Der Kommentar dazu: »Diese Darstellung ist ohne weiteres verständlich. Was oben zuviel, muß eben unten zu wenig sein, das ist eine Rechenordnung.« Anders als bei den vorherigen Büchern, die zwar zum Lachen reizen, durchaus aber kritische Momente haben, bleibt einem das Lachen bei diesem Roman doch manchmal im Halse stecken. Während der Zeit des Nationalsozialismus gab Budzinski die Zeitschrift »Geister und Gespenster« heraus. Über sein weiteres Wirken bis zu seinem Tod in Marburg konnte ich bislang nicht viel mehr erfahren. Über sein Leben zuvor schrieb er 1929 einen kleinen Aufsatz in „Westermanns Monatsheften“, der folgendermaßen begann: »Ich bin verheiratet, habe zwei Töchter, zwei Söhne und ein hypothekenfreies Haus; das sind also zusammen acht Kinder. Neben dem Hause liegt mein Anteil am Planeten Erde in Größe von 12 Meter Länge, 10 Meter Breite und 6378000 Meter Tiefe, nutzbar ist nur die alleroberste Schicht.« Der Text schließt mit ein wenig Selbsterkenntnis: »Über die Zeit vorher bin ich mir nicht ganz im klaren, aber aus vielen traumhaften Erinnerungen sowie aus meinem Verhältnis zu Königsthronen schließe ich, daß ich ursprünglich beabsichtigt hatte, als Königssohn auf die Welt zu kommen. Da aber die heutige Konjunktur für diese Söhne nicht gerade günstig ist, bin ich auch so ganz zufrieden.«

Ich bin froh, Robert Budzinski als Autor und Grafiker entdeckt zu haben. Er hat mir einige vergnügliche Lesestunden beschert und sicher werde ich auch künftig noch zu seinen Büchern greifen, zu denen, die ich habe und zu denen, die ich vielleicht von ihm noch finden werde. Er ist zu gut, um vergessen zu werden. Und wenn er nicht neu verlegt wird, sind ja immerhin seine alten Bücher noch zu haben. (Anmerkung für Geizhälse: Teilweise zu einem geringen Preis!).

Ihr Horst-Dieter Radke

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