Plansprachen: Quenya

Ein Gastbeitrag von Petra E. Jörns

Elen síla lûmenn omentiëlvo. Ein Stern leuchtet über unserer Begegnung.

Spätestens seit der Verfilmung von „Herr der Ringe“ kennt fast jeder die Elbensprache, die J. R. R. Tolkien für seine Welt namens Mittelerde erfunden hat. Das Faszinierende an dieser Sprache ist dabei zum einen sicherlich ihr Wohlklang, zum anderen aber auch die Akribie, mit der Tolkien sich ihr gewidmet hat. Beim Lesen von Zeilen in elbischer Sprache hat man immer das Gefühl, die Sprache sei echt – so umfangreich sind das Vokabular und auch die Grammatik, die Tolkien sich ausgedacht hat. Das muss uns nicht weiter wundern, denn Tolkien war immerhin Sprachwissenschaftler.

Um seine Welt Mittelerde zum Leben zu erwecken, hat Tolkien nicht nur eine Kunstsprache entwickelt, sondern gleich mehrere: Quenya (die Elbensprache), Sindarin, Westron (die allgemeine Sprache in Mittelerde, entspricht Englisch), Khuzdul (die Zwergensprache) und die Schwarze Sprache. Dabei hat ihm die bloße Erfindung dieser fremden Sprachen nicht genügt. Tolkien dachte sich dazu gleich noch eigene Schriftzeichen bzw. Runen aus. Damit war es aber noch nicht genug, denn Tolkien ließ seine Kunstsprachen und Schriftzeichen auch altern, um Authentizität zu schaffen. Schließlich wandeln sich auch echte Sprache und Schriftzeichen im Laufe der Zeit.

Wir wollen uns hier auf die Sprache beschränken, über die am meisten bekannt ist und über die es auch die meisten Sekundärwerke gibt: Quenya, die Hochsprache der Elben. Zusammen mit den Tehtar (die Schriftzeichen für Quenya) bestimmt sie wie keine andere Sprache Tolkiens Werk.

Wer Latein kann, wird auch keine großen Probleme haben, Quenya zu erlernen. Im Großen und Ganzen ist Quenya sogar leichter als Latein, weil es weder ACI noch NCI oder Partizipsätze gibt. Wer nicht weiß, wovon die Rede ist, darf sich glücklich schätzen. Zurück zu Quenya. Beginnen wir mit den Verben.

Verben

Wie in Latein besteht das Verb in Quenya aus einer sogenannten Stammform, an die die Endungen für die Zeit und für die Person angehängt werden. Um das zu erläutern, nehmen wir als Beispiel „fallen“. Die Stammform für „fallen“ lautet „lant“. Im Präsens fügen wir dem ein „a“ hinzu, also „lanta“ (fällt). Im Präteritum wird ein „e“ angefügt, „lante“ (fiel). Die Futurendung lautet „uva“, ergibt „lantuva“ (wird fallen). Der Perfekt wird durch die Voranstellung des Stammvokals (hier „a“) gebildet, also „alanta“ (ist gefallen). Der Subjunktiv trägt die Endung „ai“, ergibt „lantai“ (möge es fallen).Mithilfe dieser Regeln lassen sich auch alle anderen Zeiten zusammenbauen:

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Das sind jetzt die Formen für die 3. Person Singular Maskulinum. Für die anderen Fälle werden bestimmte Suffixe an die Formen der 3. Person Singular Maskulinum  angehängt. Dabei wird noch zwischen verschiedenen Betonungen unterschieden. Das hört sich kompliziert an, ist aber eigentlich ganz einfach.

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Will ich also sagen „du wirst fallen“, dann heißt das auf Quenya „lantuvalye“ oder auch schlicht „lantuval“. Wenn ich betonen will, dass „du“ es bist, der fallen wird, dann sage ich „elye lantuva“. Der Rest erklärt sich von selbst. Nebenbei haben wir mit dieser Tabelle auch gleich die Personalpronomen kennen gelernt.

Achtung! Die Endung –nte bzw. –nt wird, da sie sich von den Personalpronomina ableitet, nur bei Personen verwendet. Wenn es sich um die Mehrzahl von Dingen handelt, dann wird an die Verbform 3. Person Singular Maskulinum schlicht ein „r“ angehängt, also „lantar“.

Substantive

Wie im Lateinischen oder Finnischen, dem das Quenya nachempfunden ist, wird das Substantiv dekliniert, indem unterschiedliche Endungen angehängt werden. Damit das nicht zu einfach wird, gibt es in Quenya allerdings zudem eigene Fälle sowie neben Singular und Plural noch den Dual für natürliche Paare von Dingen und den kollektiven Plural, der eine Vielzahl oder Gesamtheit ausdrückt. Zur Erklärung hier die wichtigsten Fälle und ihr Einsatz:

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Die Lateiner unter uns wissen, dass es damit nicht genug ist. Denn auch im Lateinischen werden nicht alle Substantive auf die gleiche Art und Weise dekliniert. Es gibt unterschiedliche Typen von Deklinationen, so wie auch im Quenya. Wie im Lateinischen unterscheiden wir zwischen A-Deklination, Konsonantischer Deklination und E-Deklination. Im Folgenden daher die Endungen der drei Deklinationstypen mit jeweils einem Beispielwort.

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Wenn also viele Blätter (Blatt – lasse) von den beiden Bäumen (Baum – alda) fallen (Laurelin und Telperion, also „die“ Bäume), dann sagen wir „i alduo lasseli lantar“. Dabei wird der Genitiv jeweils dem Substantiv, auf das er sich bezieht, vorangestellt. Aufs Deutsche übertragen, wäre das „der beiden Bäume Blätter“. Oder wir können alternativ auch sagen „Viele Blätter fallen von den Bäumen: „lasseli lantar i aldallon“. Dann verwenden wir den Ablativ (von wo(her)?) für die Bäume, wenn wir die Herkunft der Blätter betonen wollen.

Der bestimmte Artikel lautet „i“ und wird dem Substantiv voran gestellt. Fehlt das „i“ dann haben wir den unbestimmten Artikel.

Adjektive

Jetzt kommt eine gute Nachricht. Die Adjektive stimmen mit ihrem Bezugswort im Quenya nur im Numerus überein. Sie haben keine Kasusendungen. Allerdings weichen die Pluralendungen der Adjektive teils von denen der Substantive ab.

Das Adjektiv wird dem dazugehörigen Substantiv vorangestellt (wie im Deutschen) – mit einer Ausnahme: Im Nominativ wird das Adjektiv dem Substantiv nachgestellt.

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Kommen wir auf unser Beispiel mit den Blättern zurück: „Goldene Blätter fallen von den Bäumen“. Wir übersetzen ins Quenya „lasseli laurië lantar i aldallon“.

Wird ein Adjektiv substantivisch verwendet, folgt es natürlich wieder den Regeln der Substantive. Die „Goldene“ (laurea) wird wie ein Substantiv behandelt und dann z. B. deshalb entsprechend der A-Deklination dekliniert.

Pronomina

Die Personalpronomen haben wir ja bei den Verben schon kennengelernt. Es fehlen noch die Possessivpronomen (mein, dein usw.), der Dativ (mir, dir usw.) und der Akkusativ (mich, dich usw.). Es folgt die entsprechende Tabelle.

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Auch bei den Possessivpronomen gibt es, wie bei den Personalpronomen, eine unbetonte Form, die als Suffix an das Substantiv angehängt werden kann. Wir streichen in diesem Fall einfach das „e“. Ich kann also wahlweise sagen „enya elen“ oder „elenya“ für „mein Stern“ oder im Plural „enyar eleni“ bzw. „elen(i)yar“.

Verwende ich das Suffix als Possessivpronomen, wird das Ergebnis, also „elenya“, im Satz auch entsprechend dekliniert. „Das Licht meines Sterns“, im Elbischen „meines Sternes Licht“ hieße also „elenyo kala“. „kala“ heißt „Licht“.

Nebenbei bemerkt sind alle Tabellen mit den Personalpronomina vereinfacht, da in Quenya in der 1. Person Singular zwischen einer inklusiven und einer exklusiven Form unterschieden wird. Hier habe ich mich auf die inklusive Form beschränkt, die für uns die gängige ist. In der 3. Person Plural gibt es zudem noch den Sonderfall für ein Paar von Dingen, den ich in den Tabellen ebenfalls unterschlagen habe.

Satzbau

Der Satzbau entspricht der Regel „Subjekt – Prädikat – Objekt“, dabei geht das direkte Objekt (Akkusativobjekt) dem indirekten Objekt (Dativobjekt) voraus. Die restlichen Objekte können nach Lust und Laune angeordnet werden. In Fragesätzen wird das Prädikat nach hinten gestellt.

Natürlich gibt es noch Sonderregeln, falls ich etwas betonen will. Aber um einfache Sätze zu bilden, reicht das allemal.

Wenn wir nun auf unseren Satz am Anfang zurückkehren, verstehen wir auch genauer, was da eigentlich steht. Elen síla lûmenn omentiëlvo.

elen – Stern, Nominativ, Singular als Subjekt

síl– – Verb-Stammform von „leuchten mit kaltem Licht“ –> síla – 3. Person Singular, Präsens, Indikativ als Prädikat

lûmennlúmë, die Zeit oder die Stunde –> lúmenna – Allativ, Singular, also „wohin leuchtet der Stern?“, das „a“ der Allativendung fällt weg, weil der folgende Substantiv mit einem ähnlichen Vokal anfängt

omentiëlvoomentië, das Treffen oder die Begegnung; –lva – Suffix für „unsere“, im Genitiv wird daraus –lvo

Eigentlich lautet die Übersetzung also „ein Stern leuchtet (mit kaltem Licht) auf die Stunde unserer Begegnung“. In diesem Sinne:

Namárië! – Auf Wiedersehen!

 

Weiterführende Bücher und Links

Wer jetzt Blut geleckt hat, kann sich in folgenden Büchern weiterbilden:

Elbisches Wörterbuch: Quenya und Sindarin, John R. Tolkien,

Und von Elbisch Experten Helmut W. Pesch:

Das große Elbisch-Buch,

Elbisch: Grammatik, Schrift und Wörterbuch der Elben-Sprache, 

Elbisch: Lern- und Übungsbuch der Elben-Sprachen,

Elbisch für Anfänger,

Und wer vor Englisch nicht zurückschreckt, findet im Internet eine sehr ausführliche Vokabelliste.

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