Puderzucker

Ein Gastbeitrag von Putlitzerpreisträger Stefan Schulz

Martin saß im Wohnzimmer einer armen Seele und sah einem Kronkorken hinterher, der unter das Sofa rollte. Der alte Mann ihm gegenüber setzte eine Bierflasche an. Unter seinen wässrigen Augen hingen Tränensäcke und in die schmalen Lippen hatte der Suff über die Jahre Tinte gespritzt. Ein verpfuschtes Leben, das in der Obdachlosigkeit enden würde.

Mit der flachen Hand rieb sich Martin die Stirn. »Ich gebe Ihnen noch fünf Minuten, aber dann müssen Sie hier raus.« Ihm brummte immer noch der Schädel.

Der Alte stellte die Flasche auf den Tisch und rülpste. »Nenn mich Rolf, Herr Gerichtsvollzieher.« Seine Zähne sahen aus wie Backpapier.

»Ihre Möbel werden erst einmal eingelagert, bis …«

»Schmeißt die auf den Müll«, unterbrach ihn Rolf. »Wie viel muss ich für die Entsorgung zahlen?« Er angelte sich einen Schuhkarton vom Fußboden und stellte diesen auf den Couchtisch. Eiskalt lief es Martin über den Rücken, als der Rentner den Deckel nach oben hob. Im Inneren des Kartons stapelten sich Banknoten, die mit Haargummis zu handlichen Paketen zusammengebunden waren.

»Woher haben Sie das viele Geld?« Er schluckte so laut, dass es ihm peinlich war.

»Hast du etwa keine Ersparnisse?«

»Sie müssen mir davon die Summe zahlen, die Sie ihrem Vermieter schulden.«

Der Alte rieb sich die Knolle mitten im Gesicht. »Ich schulde diesem Dreckskerl keinen Cent.«

»Diese alberne Geschichte sind wir doch schon durchgegangen. Von ihren angeblichen Barzahlungen existieren keinerlei Quittungen. Früher haben sie die Miete doch auch überwiesen.«

»Es gibt keine albernen Geschichten!« Rolf genehmigte sich einen weiteren Schluck Bier. »Außerdem konnte man früher den Banken noch trauen.«

»Ich bin verpflichtet, den ausstehenden Betrag einzuziehen.«

»Dann unterstützt du einen Betrüger.«

Die hohle Hand vor Mund und Nase prüfte Martin den Geruch seines Atems. Scotch gemischt mit Pfefferminze. Was es bedeutete betrogen zu werden, wusste momentan wohl keiner besser als er selbst. »Warum haben Sie ihren Vermieter denn nicht angezeigt?«

»Damit mir ein Richter vorhält, dass es keine Quittungen gibt?« Kopfschüttelnd stellte Rolf die Flasche neben den Papptresor. »Ich werde zu meiner Cousine ziehen.« Er warf ein Bündel Geldscheine auf den Tisch. »Vom Rest kannst du deiner Frau etwas Hübsches kaufen.« Mit einem Lächeln deutete der Alte auf Martins Ehering.

Er fra

+gte sich, warum er das Ding eigentlich noch trug. Am Vortag hatte er sie eng umschlungen mit einem anderen Mann gesehen. Zu feige die beiden zur Rede zu stellen, war er in eine Kneipe geflüchtet. Als er kurz vor Mitternacht heimgekommen war, hatte ihn der Alkohol daran gehindert, eine sachliche Diskussion zu führen. Ihm schmerzte der Rücken vom unbequemen Nachtlager im Wohnzimmer. »Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte meine Ersparnisse auch in einem Karton versteckt.« Die Vorstellung das Geld mit seiner Frau teilen zu müssen, damit sie es mit ihrem Liebhaber verprassen konnte, bereitete ihm Bauchschmerzen.

»Scheidung?« Der Alte grinste.

»Wo wohnt denn Ihre Cousine?«, versuchte er vom Thema abzulenken.

»Thüringen. Sie besitzt das Bauernhaus in dem ich groß geworden bin.«

»Das ist aber eine gewaltige Umstellung, von Hannover in ein Dorf im Osten zu ziehen.« Martin betrachtete den Teppich, der von einer Falte durchzogen wurde. Die neuen Bundesländer hatte er noch nie bereist. Seine Frau lag lieber an der Costa Blanca. Die hübsche Ferienwohnung in Dénia würde sie ganz bestimmt für sich allein behalten wollen.

»Sind Sie nach der Wiedervereinigung hierher gezogen?«, fragte er schließlich.

»Ich wohne in Hannover seit 1969.«

»Geflüchtet?«

Rolf schüttelte den Kopf. »Der dämliche Ostwind trieb mich rüber.«

»Reden Sie von der russischen Politik?«

»Wenn dann von der Sowjetischen.« Der Alte lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Schuld an meinem Abflug aus der DDR hatte ein Kobold.«

Für Martin bestand kein Zweifel, dass der Mann seinen Verstand versoffen haben musste.

»Ich arbeitete nach meiner Tischlerlehre am Theater in Weimar. Ein paar Jahre später ging ich dann nach Babelsberg zum Film.«

»Sie waren Schauspieler?«

»Unfug! Requisiten und Bühnenbilder habe ich gebastelt.« Rolf nahm die Flasche und ließ sie zwischen seinen Schenkeln baumeln. »Für einen Kinderfilm der DEFA sollte ich ein Flugobjekt für einen Kobold zusammenschustern. Das Teil musste wirklich fliegen können. Heutzutage macht man so etwas am Computer.« Er stieß scharf die Luft aus. »Zwei geschlagene Monate tüftelte ich daran. Den Testflug habe ich extra im Dunklen vorgenommen, weil man in der DDR nicht einfach so herumfliegen durfte. Das war im Mai 1963.«

Im Flur ging Glas zu Bruch. Martin stand auf und öffnete die Tür. Ein Mann in Latzhose kniete vor einem zerbrochenen Spiegel.

»Das ist hier eine Wohnungsräumung und keine Entrümpelung!«

Der Latzhosenmann hob zur Entschuldigung die Hände über den Kopf. Martin schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken an das Holz.

»Ich startete auf einer Waldlichtung«, fuhr Rolf fort. »Als Bastler hat man keine Ahnung von der Meteorologie. Zuerst hielt ich es bloß für eine harmlose Windböe, die mich immer weiter davontrug.«

Die Wanduhr tickte leise und zählte die Zeit herunter, die dem Alten für sein Gerede noch blieb.

»Zudem ließ sich der blöde Propeller an meinem Fluggerät nicht mehr abschalten. Ungewollte Mobilität. Die Landung kurz vor Hannover war allerdings recht professionell.«

»Seltsam, dass die Medien von so einer spektakulären Flucht nichts berichtet haben.«

»Jeff war der einzige Zeuge meiner Landung. Ein Amerikaner – obendrein ein hohes Tier beim Militär.«

Martin schlürfte zurück zum Sessel und setzte sich wieder.

»Ich flehte Jeff an, niemanden von meiner unbeabsichtigten Flucht zu berichten.« Rolf fuhr sich durch die grauen Haare, die sich im Nacken zu einer Wulst wellten. »Mir war das peinlich! In einer Bar betranken wir uns und ich erzählte ihm von meiner Tätigkeit beim Film. Er versprach zu helfen, damit ich unbemerkt zurück in die DDR gelangen konnte.«

Als ob jemand freiwillig in ein schlechteres Leben zurückkehren würde, dachte Martin. So dachte sicherlich auch seine Frau. Aus welchem Grund heiratet man eigentlich? Eine Ehe bedeutet doch nichts weiter als Verlust. Wie gern war er früher tanzen gegangen. Seine Frau konnte nicht tanzen. Irgendwann hatten sie das Tanzen aufgegeben. Sie liebte Museen, hauptsächlich deren Inhalt. Er hasste es Artefakte aus der Vergangenheit zu betrachten. Irgendwann hatten sie es aufgegeben, in Museen zu gehen.

»Einen Tag später saß ich schon in einem amerikanischen Flugzeug. Ich fragte, ob das die Ostsee sei, als wir über ein Meer flogen. Jeff schüttelte den Kopf und meinte, ich müsse mir meine Heimkehr erarbeiten. Ich wurde als Zwangsarbeiter in die USA entführt.«

Aus der Innentasche seines Jacketts zog Martin eine Schachtel Zigaretten heraus. Die Frage, ob er in der Wohnung rauchen durfte, ersparte er sich. Das Feuerzeug loderte auf und er inhalierte tief. Er bereute es dem Mann Zeit gegeben zu haben, sich auf den Rauswurf vorzubereiten.

»Ich wurde zum Höhlenmensch.« Rolf spielte an seinem viel zu langen Ohrläppchen. »Die Ausmaße des Stollens waren unvorstellbar. Mit einer Handvoll Helfer verbrachte ich sechs Jahre darin.«

»Die Amerikaner haben doch keine Gefangenen aus der DDR gemacht, um sie in einem Bergwerk schuften zu lassen.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger vor die Stirn und blies den Qualm zur Zimmerdecke.

»Das war ja auch kein Bergwerk, sondern der Ort für eine Filmkulisse.«

»Die Bühnenbildner aus Hollywood waren wohl alle krank?«

»Die haben extra niemanden aus der Traumfabrik engagiert. Alles wegen der Geheimhaltung.«

»Was für ein Film sollte denn gedreht werden?«

»Die Mondlandung!« Der Alte nahm seine Bierflasche und trank als wäre es Limonade. Martin überlegte, ob er seine Alte auch auf den Mond schießen sollte.

»Tonnenweise haben die Sand angekarrt. Der wurde über Förderbänder zum Stollen transportiert.«

»Die Strände auf dem Mond sollen ja sehr schön sein.«

»Um das Ganze wie Staub aussehen zu lassen, hatte ich eine geniale Idee.« Rolf hob den Zeigefinger. »Puderzucker!«

»Den Puderzucker haben die dann wohl auch tonnenweise über Förderbänder in den Stollen gebracht?«

»Woher weißt du das?«

Martin sah auf seine Armbanduhr. In einer halben Stunde würde seine Lieblingsbar öffnen. Er wollte der Erste sein. Der Letzte sowieso. Jeder anständige Mann sollte nachhause wanken dürfen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen. Bei wem auch?

»Im Januar 1969 begannen die Dreharbeiten. Ich durfte mich sogar einmal in die Raumfähre setzen, die ich leider nicht selber gebaut hatte.«

»Sie waren wohl auch noch der Kameramann?«

»Das war ein Rumäne. Netter Typ, aber leider stumm. Ich blieb bis zum Ende der Dreharbeiten und sorgte dafür, dass man keine Fußspuren im Puderzuckersand sah.«

»Die Mondlandung war also ein riesiger Schwindel, der von Ihnen in Szene gesetzt wurde?«

»Angeblich wurde das nur gedreht, falls bei der echten Landung etwas schief gehen sollte.« Der Alte stand auf und richtete seine Cordhose, an der es nichts mehr zu richten gab. »Ein halbes Jahr später durfte ich zurück nach Westdeutschland. In die DDR habe ich mich nach so langer Zeit nicht mehr getraut. Ich baute Bühnenbilder am Theater hier in Hannover.« Er stülpte den Deckel auf den Schuhkarton und hockte sich vor einen Koffer neben der Couch, in den er sein Vermögen verstaute. Mit dem Knie auf dem Gepäckstück drückte er den Inhalt zusammen und zog den Reißverschluss zu. »Ich mach jetzt los.«

»Haben Sie alle wichtigen Dokumente dabei?«

»Alles, was hier noch in den Schubfächern liegt, kann auf den Müll.«

Martin quälte sich vom Sessel hoch. »Wollen Sie keine Erinnerungsstücke mitnehmen?« Er deutete auf die gerahmten Bilder im Regal.

Rolf machte eine abwertende Handbewegung. »Die Vergangenheit interessiert mich nicht.«

Auf der Straße quietschten Reifen. Der Alte trottete zum Fenster und schob die Gardine zur Seite. Über seine Schulter sah Martin, wie ein Mann aus einem Auto sprang. Eine Hand zur Faust geballt, drohte er einem Fußgänger.

»Das ist der Kerl!«, sagte Martin und zog hektisch am Filter. Ihn überkam das Gefühl, als würde er mit einem Fahrstuhl in die Tiefe rauschen.

»Was für ein Kerl?« Rolf sah ihn von der Seite an.

»Der mit meiner Frau rummacht.«

»Ein ganz schön aggressiver Typ.«

»Ich meine den Fußgänger.« Am liebsten wäre er raus gerannt und hätte ihn verprügelt.

»Bist du dir da sicher?«

»Ich habe ihn gestern mit ihr im Park gesehen!«

Rolf grinste. »Bei schönem Wetter verlegt er seine Tanzstunden ganz gern mal ins Freie. Sein Name ist Manolo.«

»Sie kennen ihn?«

»Er war einer meiner liebsten Kollegen am Theater. Sein Mann stammt auch aus Spanien.«

»Sein Mann?«

Rolf ließ die Gardine los und nickte. Er drängte sich an Martin vorbei. Die eine Hand zum Gruß gehoben, angelte er mit der anderen nach dem Koffergriff. »Mach´s gut!«

Martin sah wieder aus dem Fenster. Sein Nebenbuhler lief auf der anderen Straßenseite davon. Die Bewegungen des Mannes wirkten eher wie die eines Türstehers, als eines Homosexuellen.

»Ach und noch etwas.« Rolf steckte seinen Kopf zwischen den Spalt von Türblatt und Zarge. »Falls sich die Amis bei dir erkundigen, wohin ich gezogen bin, dann sag denen, dass du es nicht wüsstest.«

Martin verdrehte die Augen. Von seiner Zigarette fiel Asche auf den Teppich. Er beugte sich nach vorn und ließ die noch nicht einmal bis zur Hälfte aufgerauchte Kippe in die Bierflasche fallen. Es zischte. Im Flur fiel die Wohnungstür ins Schloss.

Er schüttelte den Kopf. »Ich lass mir hier was vom Mond und schwulen Tanzlehrern erzählen.«

Einer der Möbelpacker riss die Tür auf und kam in das Zimmer gestürmt. »Ich glaube wir sollten die Bullen rufen!« Er hielt ihm einen Briefumschlag vor die Nase.

»Was ist los?«

»Drogen!« Der Mann zog zwei Plastetütchen aus dem Umschlag. »Das lag unterm Teppich im Schlafzimmer.«

»Für Koks ist das aber etwas grau.« Martin nahm dem Mann die Tütchen ab. Auf dem einen stand »Original« und auf dem anderen »Fake«. Er sah zum Couchtisch und starrte auf das Geldbündel.

»Hier ist auch ein Brief drin«, sagte der Latzhosenmann. »Allerdings auf Englisch.«

Martin griff nach dem Umschlag und zog das Schreiben heraus. Mehr ein Notizzettel, als ein Brief.

»Lieber Rolf!«, übersetzte er. »Du bist mir in der kurzen Zeit ein guter Freund geworden. Außerdem zählst du zu den wenigen Menschen, denen ich danken muss, dass ihre Arbeit umsonst war. Wie versprochen habe ich dir von meiner Reise etwas mitgebracht. Die Fälschung unterscheidet sich bloß am süßen Geschmack, du genialer Verrückter. Grüße Buzz.«

Martin stierte auf die beiden Tütchen in seiner linken Hand. Er spürte seinen eigenen Pulsschlag am Hals. »Meine Frau nimmt Tanzstunden.«

»Ich verstehe nur Bahnhof«, sagte der Möbelpacker.

Langsam drehte sich Martin um und sah aus dem Fenster. Rolf verschwand hinter einer Hausecke.

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