Putlitz 2017: Das erste Mal dabei

Ein Bericht von Amos Ruwwe

Der Freitag

Horst- Dieter als Beifahrer zeigt mir den Weg. „Hier rechts“. Rechts? Zwischen zwei Häusern geht es in eine schmale Gasse. »Wieder rechts«, sagt Horst-Dieter, „hier ist die Pfarrscheune.“ Angekommen. Mit etwas steifen Knochen (man ist ja nicht mehr der Jüngste) steigen wir nach sieben Stunden Autofahrt aus. Das Scheunentor öffnet sich, eine freundliche Frau begrüßt uns mit Handschlag, schaut Horst-Dieter an, und sagt so was wie: „Du bist auch wieder da“, schaut mich an, streckt mir die Hand entgegen. „Ich bin Ulla“, sagt sie, und schon bin ich richtig angekommen.

Es ist tatsächlich eine Scheune, allerdings kein Stroh drin, sondern schön aufgereiht Stühle, ein Lesetisch, auf mehreren Biertischen unterschiedliche Getränke. Schon kommt mir die nächste Hand freundlich entgegen, natürlich mit dem dazugehörenden Mann. „Willkommen. Zum ersten Mal bei uns? Ich bin hier der Pfarrer.“ So geht das weiter. Die Zuschauer kommen, jeder greift sich was zu trinken, ich schüttele weitere Hände. Die lange Fahrt, die steifen Knochen, die Müdigkeit … war da was?

Didi stellt sich in Position. Schaut in die gut gefüllte Scheune. Cordula kommt dazu. Beide begrüßen die Putlitzer und die angereisten 42er.

Horst-Dieter soll als Erster lesen. Es beginnt zu regnen. Wir sind in einer Scheune. Kein Saal, kein schallgedämpfter Raum. Der Regen trommelt auf das Dach und Horst-Dieter müht sich redlich. Schreilesung, mal was Neues. Den Text kenne ich, ich sitze hinten und höre überwiegend die Schlagzeugwirbel des Regens auf dem Scheunendach. Dorrit liest schon nicht mehr sitzend. Siehe da, der Pfarrer und ein Techniker schleppen ein Mikro und einen Verstärker an. Test … eins, zwei. Es regnet weiter, aber jetzt hören wir alle die Lesenden wunderbar. Improvisation ist alles!

Jürgen Block liest von einer unterhaltsamen Begegnung im Haus des Schriftstellers Arno Schmidt. Erleichtert und entspannt höre ich jetzt den Lesenden zu. Vor der Pause kommen zwei Putlitzer Kinder. Plattsnaker Kinners. Manches kann ich verstehen, aber ich reime mir eher die Zusammenhänge zusammen, als dass ich sie verstehe. Haben die beiden jedoch profimäßig gemacht. Pause. Alle stehen auf. Der Regen hat aufgehört, die Raucher gehen in den Pfarrgarten, andere kommen zu mir, begrüßen mich, immer freundlich, ehrlich erfreut mich zu sehen. Ich bin baff. Ein Mann kommt mit geöffneten Armen auf mich zu. Schließlich nimmt er mich doch nicht in den Arm, sagt nur lachend: „Dich kenne ich noch nicht. Schön, wieder einen neuen 42er kennen zu lernen. Ich bin der Bürgermeister.“ Schon bekomme ich einen kurzen Abriss vom Anfang der 42er in Putlitz bis heute erzählt. Das Bier in seiner Hand ist just in dem Moment leer, als Didi, nun mit Mikro, die nächsten Vorlesenden vorstellt. Linda entführt die Zuhörenden nach Ceylon, Cordula lässt es krimitechnisch knistern, Beate liest aus einem noch unveröffentlichten Roman, und Didi lässt zum Abschluss einen Sachsen an der Flensburger Förde eine Leiche entdecken.

Schon ist der Leseabend vorbei. Beindruckt fahren wir zurück zum Hotel. Nach und nach sammeln sich die 42er an der Hotelbar. Mein Kopf ist voll mit Wörtern, ich bin froh und glücklich, in Putlitz zu sein, die 42er wieder zu sehen, neue 42er kennen zu lernen. Die Atmosphäre in der Scheune, die Freundlichkeit der Putlitzer – mit diesem Gefühl gehe ich auch ins Bett.

Der Samstag

Kurz nach sieben sitze ich beim Frühstück. Noch keiner von den 42ern zu sehen.  Ist sicher etwas später geworden, denke ich mir. Alleine mit meinen Gedanken höre ich Musik aus irgendeinem versteckten Lautsprecher. Plötzlich werde ich hellwach. Hat da nicht jemand 42er gesagt? „Heute wird der wohl skurrilste Preis der Literatur in Putlitz verliehen.“ Der Radiomoderator legt nach, der Bürgermeister kommt auch noch zu Wort und lobt die 42er dafür, dass sie seinem Örtchen so viel Glanz bescheren. Der Tag fängt ja gut an, denke ich. Zufrieden kaue ich weiter an meinem Frühstück. Gedanklich kaue ich allerdings auch an der bevorstehenden Mitgliederversammlung.

Horst-Dieter, Beate, Kaelo und ich fahren zusammen nach Putlitz. Bei solch einer Fahrgemeinschaft wird es nicht langweilig. Gut gelaunt werden wir bei der Scheune wieder von Ulla begrüßt. Ist doch klar, kenne ich schon längst. Mann, Mann , wie bei Mudder. Kaffee fertig, Teewasser da, Geschirr gespült und geordnet auf dem Tisch, wat willze mehr?

10 Uhr 30 beginnt die MV. Organisatorisches kommt zuerst – damit es mittags auch was zu essen gibt. Dass Autoren allein von Luft und Liebe leben können, ist ein Mythos. Drugs & Rock’n’Roll gehören schließlich auch noch dazu! 😉 Dann geht es zügig an die Tagesordnung. Atmosphärisch ist es ruhig und entspannt. Cordula leitet die Sache souverän, ich fühle mich zu jeder Zeit wohl. Bewundernswert gelassen und professionell flott schreibt Beate direktemang das Protokoll in ihr Notebook.
„Gibt es jetzt dann auch bald etwas zu essen?“, muss ich mich doch gegen 13 Uhr mal melden. Der Punkt Sonstiges ist noch offen und das Schlusswort. Man weiß ja nie, wie lange die Punkte dauern. Blutzucker, Konzentration, in unserem Alter, da muss man schon ein bissken drauf schauen. Eine halbe Stunde später gehen wir bereits Richtung Imbiss. Gut gelaunt, alle zufrieden mit dem Verlauf der Versammlung, klasse. Die gute Laune wird nicht schlechter durch das Essen. „Gibt es bei Ihnen einen Espresso?“ „So was haben wir hier nicht“, kommt die Antwort prompt von Gastwirt, der erst einmal einen Taschenrechner holen muss, damit er die Rechnungsbeträge der Einzelnen ordentlich addieren kann. Kulinarisch ist Putlitz noch deutlich entwicklungsfähig.

Ab zum Mittagsschläfchen ins Hotel. Das Fernsehen, RBB, soll gegen 17 Uhr 15 in Putlitz ankommen. Die 42er treffen sich dort vor der Kirche. Tatatata, der Fanfarenzug Putlitz macht Musik für uns und die anderen Zuschauer.

Der Mann vom Fernsehen wuselt mit seiner Kamera auch schon herum. Die Veranstaltung ist noch nicht aus, da ist der Bericht schon auf Sendung.

Putlitz ist nicht der Nabel der Welt und schon gar nicht leicht zu finden, trotzdem bin ich von ganzem Herzen froh, dabei zu sein.

Der Pfarrer sagte mir später, so rappelvoll sei seine Kirche nicht bei seinen Messen und lachte mit mir dazu. Cordula versteckt ihren Dank an die vielen Helfer in eine schöne Geschichte. Frau von Putlitz sitzt neben mir. Ab und zu schauten wir uns belustigt an. Na, ihr merkt schon, man kennt sich inzwischen. Die sechs Preisträger werden bekannt gegeben, und Schülerinnen, beziehungsweise auch ein Schüler, verlesen die prämierten Texte. Das ist berührend für mich, diesen jungen Leuten zuzusehen und zuzuhören, wie sie mit Leidenschaft und in professioneller Weise die Texte vorlesen. Allein dafür lohnt es sich herzukommen. Zu toppen ist das kaum noch, denke ich. Denkste Männeken. Als nächstes kommen Kinder durch den Seitengang, alle zwischen acht und zwölf Jahren, stellen sich an die Musikinstrumente und spielen Barockstücke, ohne dass ein Dirigent nötig ist. Da bin ich fast zu Tränen gerührt. Beeindruckend ist nur ein schwaches Wort für diese wunderbare Musik.

Wie auf Wolke Sieben schwebe ich nach fast drei Stunden aus der Kirche. So lange war ich selten in meinem Leben in einer Kirche, bin selten innerlich so erbaut gewesen. Aber es geht noch weiter, denn es gibt ja noch den Pfarrgarten, das Lagerfeuer, die Spargelsuppe, Getränke und Schnittchen, klar, wie bei Muddern – das erdet. Ulla hat noch einige Helferinnen zur Hand und es mangelt an nichts. Mit einigen der Preisträgerinnen habe ich mich unterhalten können. Alle waren sichtlich stolz auf die Urkunde für die Prämierung. Mit Linda, Beate und Jürgen und Kristin habe ich wieder vier 42er von Auge zu Auge kennen gelernt. Vor drei Jahren wurde ich Mitglied. Das war die zweite MV für mich. Bei der Buchmesse in Leipzig war ich mehrmals mit dabei. Nun habe ich schon eine Menge Vereinsmitglieder im realen Leben kennen gelernt. Das ist schön, die Menschen persönlich kennenzulernen, die ich sonst nur als Avatar oder durch das Posten im Forum kenne.

Für mich ist es nach diesem Wochenende schon klar: Putlitz – ich komme wieder.

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