Rätsel um einen Vallotton

Weihnachten gehört zu den Dingen in meinem Leben, die ich weiträumig zu umfahren versuche. Zugegeben, das ist schwierig. Etwa so schwierig, wie die Türme aus Weihnachtskalendern, Dekoartikeln und Süßigkeiten im Supermarkt zu umfahren. Ich schenke eigentlich ganz gerne, nur an Weihnachten nicht, denn da habe ich immer das Gefühl, ich beuge mich nur dem allgemeinen Schenkenszwang. Niemand sollte sich jedoch davon abhalten lassen, zu schenken. Machen Sie den Menschen, die Sie mögen eine Freude, z. B. mit einem Roman von Martin Suter. Diesem hier zum Beispiel:

Adrian Weynfeldt würde Weihnachten wohl kaum in den eigenen Wänden verbringen, sondern in einem exklusiven Restaurant im Kreis seiner (beinahe ausschließlich) älteren Freunde. Er würde – ohne mit der Wimper zu zucken – ein Dutzend Personen zu einem mehrgängigen Menü einladen; es gäbe Hausmannskost – auf hohem Niveau. Gefüllte Gans an Trüffelschaum, beispielsweise. Weynfeldt hat das Vermögen seiner Eltern geerbt, besitzt mehr Geld, als er jemals ausgeben kann. Seine 200 qm-Wohnung in bester Lage ist ein wohlgestaltetes Reservoir wertvoller Raritäten und Kunstgegenstände. Und das ist auch so ziemlich das Einzige, womit Weynfeldt sich auskennt. Er ist Kunstsachverständiger.

Es wäre interessant, dabei zuzuschauen, was passiert, wenn man dem Leben dieses nicht mehr ganz jungen Siegelringträgers mal einen ordentlichen Tritt von der Seite verpasst. In Form eines Autounfalls vielleicht oder eines unvermutet auftauchenden Stiefbruders, der an sein Geld will. Man könnte auch seinen Finanzverwalter dazu bringen, Weynfeldts Vermögen an der Frankfurter Börse zu verwetten. Von all dem handelt „Der letzte Weynfeldt“ allerdings nicht.

Stattdessen tritt eine Frau in sein Leben. Natürlich nicht irgendeine und auch nicht irgendwie. Es muss schon ein Beinahe-One-Night-Stand mit anschließendem Beinahe-Selbstmord sein. Weynfeldt macht so etwas eigentlich nicht, aber naja, dann stolpert er doch in eine Art Beziehung mit dieser durchtriebenen, sexy Ganovin, die weniger Weynfeldt selbst, als vielmehr seine Spendierfreudigkeit anziehend findet. Martin Suter lässt so richtig die Hunde los, spielt geschickt mit Adrians Gefühlen und Begierden, führt uns dessen Naivität vor Augen, schickt ihn gefährlich nahe an den beruflichen Abgrund und bringt ihn auch beinahe endgültig zu Fall. Aber eben nur beinahe. Wie ein geübter Zauberer, der das Tuch über den Zylinder breitet, aus dem später das Kaninchen auftauchen wird, lässt er den Leser im Dunkeln tappen und bereitet hinter seinem Rücken ein rasantes Ende vor.

Warum ich das Buch empfehle?

Na, weil es gut geschrieben ist natürlich. Erstens betritt man eine glaubhaft dargestellte Welt, die den meisten Lesern fremd sein dürfte. Zweitens verbringt man seine Zeit mit Figuren, denen Leben eingehaucht wurde und deren Hintergrund, je nach ihrer Wichtigkeit, in den Roman eingearbeitet wurde. Drittens kann man schön mitempfinden, vollkommen unbeobachtet seinem Neid auf Adrian Weynfeldt frönen, über ihn lachen, mit ihm leiden und schließlich dabei zuschauen, wie er ein kleines Stückchen erwachsener wird. Viertens ist der Roman voller Wendungen, tickender Uhren, Cliffhanger, gekonnter Tempowechsel und einfach so gut geschrieben, dass man ihn ruhig zweimal lesen kann. Dabei ist es natürlich egal, ob Sie den Roman zu Weihnachten, zu Ostern oder einfach-nur-so verschenken. Schenken Sie ihn jemandem, den Sie mögen und der seinerseits gute Bücher mag. Oder, falls Sie es noch nie getan haben, sollten Sie es unbedingt ausprobieren: Machen Sie ihn sich selbst zum Geschenk!

Ihr Christoph Junghölter

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