Reisen und Lesen im Senegal Teil 5: Von Mahlzeiten, Machos und Meer

Reis ist das Hauptnahrungsmittel im Senegal, es gibt ihn zu beinahe jedem Essen, heute Yassa Poulet – Reis mit Hühnchen. Ich werde das zu Hause einmal nachzukochen, denn es ist ausgesprochen lecker. Wie übrigens alles, was ich in diesen Tagen serviert bekomme. Nar weiß, wo in Saint Louis am besten gekocht wird. Als wir noch zufällig einen seiner ehemaligen Mitbewohner aus Dakar treffen und wir einen heiteren Abend in einer Bar verbringen, ist mein Aufenthalt in Saint Louis perfekt.

Am nächsten Morgen verlassen wir Saint Louis noch in der Dunkelheit um sechs Uhr. Nar möchte mir unbedingt noch einen Ort an der Petite Côte zeigen, dahin kämen wir ganz schnell. Ich bin gespannt, was „ganz schnell“ bedeutet. Den größten Teil der Strecke fahren wir mit einem recht modernen Auto, es funktioniert sogar die Tempoanzeige am Armaturenbrett, was hier eher selten vorkommt. Zunächst sind wir die beiden einzigen Fahrgäste, aber in jedem Dorf, durch das wir fahren, stehen am Straßenrand weitere Mitfahrer, die manchmal nur ins nächste Dorf wollen. Einmal sitzt neben mir ein junger Mann, der wie ein Ofen Hitze abstrahlt. Ich bin froh, vor meiner Abreise aus Deutschland alle Impfungen aufgefrischt zu haben, und verbiete mir den Gedanken an ansteckende Krankheiten, gegen die ich nicht geimpft bin. An einem Medical Centre lässt der junge Mann sich absetzen und ich erzähle Nar von meinen Bedenken. Das amüsiert ihn. „Ihr Europäer habt viel Angst, oder?“

Gegen zwölf Uhr kommen wir in Somone an. Sechs Stunden, nicht schlecht für etwa 350 Kilometer mit drei Fahrzeugwechseln. Still und träge liegt der Ort in der Mittagshitze. Im Restaurant ist die einzige Frau außer mir die Kellnerin. Die Frauen sind hier immer beschäftigt: als Händlerin auf dem Markt, räumend und fegend in Geschäften, Wäsche in vielen großen Schüsseln waschend oder auf dem Bürgersteig sitzend und mit großen Mörsern etwas zerstampfend. Männer gehen häufiger dem Müßiggang nach. An der Bar sitzen zwei und trinken Bier, drei andere sitzen an einem Tisch und diskutieren, ein weiterer geht telefonierend vor dem Restaurant auf und ab. „Macho“, sagt Nar mit einer Geste auf ihn. Ich bin überrascht, denn ausgerechnet diesen Mann hätte ich nicht auf den ersten Blick so klassifiziert. Viel häufiger hat mich die Angewohnheit vieler senegalesischer Männer, ja selbst Schuljungen, sich beim Gehen immer wieder in den Schritt zu fassen, an Machos denken lassen. Ich nutze den Moment, Nar nach Polygamie zu befragen, die sei doch noch immer sehr verbreitet? Meine Kenntnisse in dieser Frage beschränken sich auf das nicht ganz ernst gemeinte Angebot, Zweitfrau auf dem Land zu werden, das ich 2013 bei meiner Reise durch den Senegal von einem Bauern bekommen habe. Und aus dem 1983 auch in Deutschland erschienen Roman „Ein so langer Brief“ von Mariama Bâ. Erzählt wird von zwei Frauen, die beide dasselbe Schicksal ereilt – ihnen wird nach langjähriger Ehe eine Zweitfrau ins Haus gebracht. Während die eine das akzeptiert und ihr Leben in der Situation einrichtet, verlässt die andere den Mann und das Land, um zukünftig im Ausland das Leben einer selbständigen, unabhängigen Frau zu führen. Nar sagt, Polygamie ist heute noch verbreitet im Senegal, aber allmählich wird die Situation für die Frauen besser. Es gibt inzwischen ein Gesetz, nach dem sich der Mann vor der Eheschließung für oder gegen Polygamie entscheidet. Wenn er sich einmal – notariell beglaubigt – dagegen entscheidet, ist er an diese Entscheidung sein Leben lang gebunden. Eine seiner Schwestern hat dies zur Bedingung für ihre Eheschließung gemacht.

Die leider schon 1981 mit 52 Jahren verstorbene Mariama Bâ gilt als Pionierin. Sie hat eine weibliche Stimme in die bis dahin männerdominierte afrikanische Literatur gebracht und hat sich den Themen Familie und Beziehungen gewidmet, die gemeinhin als Frauenthemen bezeichnet werden, genau genommen aber gesellschaftlich relevante Themen sind. Auch ihr zweiter Roman beschäftigt sich mit einem Beziehungsthema, „Der scharlachrote Gesang“ erzählt von der Ehe zwischen einem senegalesischen Mann und einer französischen Frau. Die Diplomatentochter Mireille entzweit sich für die Ehe mit Ousman von ihrer Familie, doch in ihrer Schwiegerfamilie wird sie nicht heimisch. Im Laufe ihrer Ehe fühlt ihr Mann sich zunehmend überfordert damit, die Konflikte aus dem Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen auszutragen und nimmt sich – ganz in seiner Kultur verhaftet bleibend – eine zweite Ehefrau. Das kann nur ein tragisches Ende nach sich ziehen. Auch dieser Roman ist bereits aus den achtziger Jahren. Vielleicht ist die senegalesische Gesellschaft inzwischen moderner und offener geworden. Jedenfalls sind mir einige schwarz-weiße Paare aufgefallen, aber wer kann schon hinter die Fassade schauen?

Nachmittags spazieren wir ans Meer. Vor Läden auf der Hauptstraße hängen Kleider oder stehen Stapel mit Eimern und Schüsseln. Irgendwo gibt es auch Gemälde, Masken oder Schmuck – das Angebot richtet sich offensichtlich sowohl an Einheimische als auch an Touristen. Allerdings sind auch am Nachmittag weder die einen noch die anderen unterwegs, nur ein paar Kinder schauen mich an, als hätten sie von ihren Eltern eingetrichtert bekommen: Sprich nie mit Weißen. Als wir von der Hauptstraße abbiegen, wird es vollkommen still. Nicht einmal Hunde bellen, sondern haben sich zur Siesta an schattige Orte begeben. Ich sauge die Blütenpracht der Bougainvilleen auf und später den Geruch des Meeres. In zwei Tagen werde ich schon auf dem Weg zurück nach Deutschland sein und es ist Zeit, mir bewusst ein Reservoir der schönen Eindrücke anzulegen, auf das ich im grauen Berliner Winter zurückgreifen kann.

Am Strand flanieren Händlerinnen an uns vorbei und bieten aus ihren auf den Köpfen getragenen Körben Schmuckstücke an. Ich habe mich bislang auf dieser Reise an meinen Entschluss gehalten, keine neuen Dinge mitzubringen, hatte ich doch die letzten Wochen zu Hause mit etwas zu kämpfen, was in Afrika kein Thema ist: Zu viel von allem zu haben. Aber diese Händlerin in ihrem gelb-rot-schwarzen Kleid, die ihren Sohn auf dem Rücken bei sich trägt, ist mir die ganze Zeit schon aufgefallen und ich winke nicht ab, als sie an unserem Tisch stehenbleibt. Für einen Armreif einigen wir uns auf 6000 CFA. Weil ich nur einen 10000er Schein bei mir habe, wechselt Nar ihn bei der Kellnerin ein. Als er zurückkommt, entspinnt sich zwischen ihm und der Händlerin eine Diskussion auf Wolof, die damit endet, dass Nar den Armreif zurück in den Korb legt, weil die Händlerin inzwischen den Preis erhöht hat. Das ist ein Problem, sagt er, sie glauben, wenn sie einmal einen Weißen an der Angel haben, müssten sie immer noch mehr herausschlagen. Der Vorfall lässt mich ratlos zurück. Ich hätte auch 1000 oder 2000 CFA mehr bezahlt, aber damit die irritierende Angewohnheit des Nachverhandelns unterstützt. Hat Nar also richtig für mich entschieden? Ich schüttle die Ratlosigkeit nur langsam ab.

Am Abend wird der kleine Ort lebendig, Dutzende Leute sind unterwegs in den bis spät in die Nacht geöffneten Läden, in den Restaurants. Ein Auto fährt mit laut dröhnender Musik auf der Hauptstraße des Orts auf und ab, um die abendlichen Spaziergänger in eine Diskothek zu locken. In einer Dibiterie, einem Imbiss mit dem Charme einer Bahnhofshalle, dessen Anziehungskraft vom Duft des Grills vor dem Haus ausgeht, bestellen wir zwei Portionen Lammfleisch, die frisch zubereitet werden. Die Wartezeit nutzen wir, um uns Brot und eine Flasche Rotwein zu besorgen. Das einfache, aber köstliche Mahl genießen wir auf der Terrasse unseres Quartiers.

Genussvolle Grüße
Ihre Dorrit Bartel

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